In der modernen Medizin rückt neben der körperlichen auch die psychische und spirituelle Begleitung schwerkranker Menschen zunehmend in den Fokus. Psychedelika-assistierte Therapie (PAT) eröffnet dabei neue Möglichkeiten, existenzielle Belastungen zu lindern und das emotionale Wohlbefinden zu stärken.
Palliativmedizin ist eine Disziplin, die sich mit der Verbesserung und dem Erhalt der Lebensqualität von Patient*innen und ihren Angehörigen beschäftigt, die von einer lebensbedrohlichen Erkrankung betroffen sind. Das lateinische Wort pallium lässt sich mit «Mantel» übersetzen. Somit steht die Palliativmedizin für eine schützende und umhüllende Pflege (Leitlinienprogramm Onkologie, 2021; Thieme Group, 2020).
W as kommt nach dem Leben? Zieht das Erlebte noch mal an einem vorbei oder ist es dann ganz still? Ist da ein Licht oder vielleicht Gott? Sicherlich habt ihr euch alle diese Frage schon einmal gestellt und eine Vorstellung davon, was am Ende des Lebens passieren könnte. Habt ihr versucht, eine Antwort in der Wissenschaft zu finden? Oder vielleicht in der Religion? Womöglich habt ihr eine Weile lang versucht, Erklärungen und für euch stimmige Ideen zu finden – und diese Gedanken dann wieder beiseitegelegt. Schliesslich ist es ja noch nicht so weit. Doch es gibt Menschen, bei denen diese Fragen auf einmal darauf drängen, beantwortet zu werden. Menschen wie Palliativpatient*innen, die mit einer Erkrankung konfrontiert sind, welche ihnen nur noch wenig verbleibende Lebenszeit erlauben wird. Den Belastungen, denen solche Patient*innen ausgesetzt sind, widmet sich die palliativmedizinische Versorgung.
Das Prinzip des Total Pain
Die AWMF-S3-Leitlinien sind von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. publizierte Standards, die wichtige Entscheidungshilfen für Menschen im Gesundheitswesen sowie Patient*innen liefern. Sie steigern die Qualität der Gesundheitsversorgung in medizinischen und angrenzenden Fachbereichen. Gemäss den AWMF-S3-Leitlinien folgt die Behandlung von Palliativpatient*innen dem sogenannten Total-Pain-Prinzip. Das Modell wurde von Cicely Saunders entwickelt und beschreibt ein Schmerzkonzept für die Palliativmedizin (Gerhard, 2015; Thieme Group, 2020). Neben der Behandlung von physischen Schmerzen der Patient*innen werden auch psychische, soziale und spirituelle Dimensionen berücksichtigt, um eine ganzheitliche Betreuung zu gewährleisten. So wird der Mensch als Wesen verstanden, dessen Bedürfnisse auf diesen vier Ebenen angesiedelt sind. Neben der Schmerzlinderung oder der Ausbreitung der Krankheit im Körper der Betroffenen wird Aspekten wie das Abschiednehmen von Familie und Freund*innen, die Angst vor Tod und Schmerzen, Trauer und Depressionen, der Verlust sozialer Rollen, Sorgen um die Hinterbleibenden sowie Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem «Danach» Raum gegeben. Die spirituelle Dimension berücksichtigt existentielle Fragestellungen, Werte sowie religiöse Vorstellungen der Betroffenen (Leitlinienprogramm Onkologie, 2021). Der Einbezug dieser unterschiedlichen Perspektiven erweist sich angesichts der akuten Situation der Patient*innen als besonders effizient und soll den Bedürfnissen der todkranken Menschen in dieser aussergewöhnlichen und belastenden Lebensphase gerecht werden (Gerhard, 2015; Thieme Group, 2020).
Total Pain in der Psychedelika-assistierten Therapie
Psychische und spirituelle Folgen solcher schweren Erkrankungen dürfen in der Schweiz mit psychedelischen Substanzen behandelt werden – eine Alternative zu gängigen Psychopharmaka. Letztere können wegen der teilweise geringen Wirksamkeits- und Ansprechrate sowie der hohen Komplexität und lange Dauer ihrer Einstellung für Palliativpatient*innen ungeeignet sein (Rayner et al., 2010; Cipriani et al., 2018). In der Schweiz ist die Anwendung psychedelischer Substanzen zur psychotherapeutischen Behandlung nicht nur legal, sie geniesst auch eine gewisse Sonderstellung. Das in Basel entdeckte Lysergsäurediethylamid (LSD) sowie 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin (MDMA) und Psilocybin sind seit 2014 in Einzelfällen in Anwendung, vor allem bei posttraumatischen Belastungsstörungen und behandlungsresistenten Depressionen (Aicher et al., 2024). Bei Psilocybin handelt es sich um den aktiven Wirkstoff aus der Pilzfamilie der Psilocybe, welches auch als «Magic Mushrooms» bekannt ist. Die relativ neue Behandlungsmethode ist in den wenigsten Ländern der Welt möglich. In der Vorreiternation Schweiz haben sich jedoch zahlreiche Forscher*innen, Therapeut*innen und Ärzt*innen der sogenannten Psychedelika-assistierten Therapie (PAT) verschrieben, um betroffenen Menschen psychologische und spirituelle Unterstützung anzubieten. Unter psychotherapeutischer und medizinischer Betreuung werden dabei die psychedelischen Substanzen eingenommen, der Trip vorbereitet, nachbesprochen und das darin Erlebte in das Leben der Patient*innen integriert.

Klinische Befunde sprechen von Erfolgen
Psychedelika-assistierte Therapien (PAT) zeigen bei Palliativpatient*innen vielversprechende Ergebnisse: Mehrere Studien finden konsistent klinisch bedeutsame Verbesserungen zentraler psychischer Symptome (Agin-Liebes et al., 2020; Agrawal et al., 2023; Griffiths et al., 2016; Yu et al., 2021). Besonders können Palliativpatient*innen mit Major Depression und Angststörungen von einer PAT profitieren. Bei ihnen reduzierten sich die Symptome nach einer Behandlung mittels PAT um mehr als die Hälfte (Agrawal et al., 2023). Die gemessenen Effektstärken sind dabei ziemlich gross (d = 2.98 bis 3.40 für Major Depression und Angstsymptome) und zeigen: die PAT wirkt bei Palliativpatient*innen mit depressiven Symptomen ähnlich effektiv bzw. sogar besser als herkömmliche Antidepressiva-Therapien (durchschnittliche Effektstärken von d = 0.30; Cipriani et al., 2018). Die Meta-Analyse von Yu et al. (2021) findet zudem für Angstsymptome ebenfalls grosse Effektstärken sowie dass die positiven Veränderungen bis zu sechs Monate nach nur einer einzigen PAT anhalten (Yu et al., 2021). Erstaunlicherweise ergaben Langzeit-Follow-Ups, dass die Reduktion von Angstsymptomen und depressiver Stimmung bei Krebspatient*innen nach einer PAT noch drei bis vier Jahre nach der Behandlung nachweisbar sind, trotz progredientem oder tödlichem Krankheitsverlauf (Agin-Liebes et al., 2020). Die Ergebnisse einer neueren Studie von Agrawal et al. (2023) stehen im Einklang zu dem bisherigen Forschungsstand. Bei Krebspatient*innen gingen depressive Symptome um über 50 Prozent zurück. Die Hälfte dieser Patient*innen waren nach acht Wochen sogar symptomfrei und zeigten somit eine vollständige Remission. Neben deutlichen Abnahmen von depressiven und Angstsymptomen berichten Studien mit Patient*innen, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung diagnostiziert wurden, auch Zunahmen im Wohlbefinden, in der Achtsamkeit und in der Lebensqualität – über sechs bis zwölf Monate nach der einer PAT. Besonders interessant ist die Zunahme der Achtsamkeit: Viele Patient*innen schildern, dass sie nach der PAT stärker im Moment leben können. Grübeleien über ihre Vergangenheit und/oder Zukunft traten in den Hintergrund, sodass das Leben sich wieder bewusster und intensiver wahrnehmen liess (Griffiths et al., 2016; Wolfson et al., 2020). Bisher werden keine schweren Nebenwirkungen durch die PAT verzeichnet. Leichte bis mässige Nebenwirkungen, die während der Substanzgabe auftreten können, sind beispielsweise Übelkeit, Bluthochdruck oder Mundtrockenheit. Wichtig ist zu erwähnen, dass trotz vielversprechender Ergebnisse, die Studien meist durch kleine Stichproben, fehlende Placebo-Kontrollgruppen oder ausgewählte (privilegierte) Patient*innengruppen gezeichnet sind, wodurch die Qualität der Evidenz eingeschränkt wird (Schipper et al., 2024). Auch die Präsenz der Psychedelika in den Medien als «Wundermittel» kann Patient*innen Hoffnungen oder Erwartungen vermitteln, die potentiell während einer PAT nicht erfüllt werden, was zu Enttäuschungen führen kann (vgl. Jacobs, 2024)
Den Tod erfahren, ohne zu sterben
Eine wiederkehrende Beobachtung in PAT-Studien ist das Auftreten sogenannter mystischer Erfahrungen. Patienten berichten von Ich-Auflösung, Zeitlosigkeit, Einheitserleben oder einem Gefühl tiefer Verbundenheit. Mit Ich-Auflösung ist dabei das vorübergehende Auflösen der gewohnten Selbst-Grenzen gemeint, bei dem die Unterscheidung zwischen dem eigenen Ich und der Umwelt an Bedeutung verliert. Zeitlosigkeit und Einheitserleben beschreiben einen Zustand, in dem das lineare Zeitempfinden aufgehoben ist und ein tiefes Gefühl von Verbundenheit mit anderen Menschen, der Natur oder dem gesamten Sein entsteht. Das Erleben solcher Zustände korreliert direkt mit langfristigen positiven Veränderungen bei Depression, Angst und existenzieller Not. Diese Erfahrungen können dazu führen, dass Patienten*innen ihre Einstellung gegenüber dem Tod ändern (Griffiths et al., 2016).
Der Patient Andrea Siclari, Teilnehmer einer Schweizer LSD-Studie für Menschen mit potenziell tödlichen Erkrankungen, beschrieb seine erste Sitzung so: «I felt that I was everything around me. So my identity was no longer Andrea, but it was much more.» (Andrea Siclari, 2025, S.1)
Er berichtete von völliger Ich-Auflösung. Durch seine LSD-Einnahme erfuhr er Einheit mit allem Existierenden, auch als oceanic feeling bezeichnet. In diesem Zustand verlor der Tod seinen Schrecken, weil das gewohnte Selbst durch die Ich-Auflösung während des Trips, bereits gestorben war (Griffiths et al, 2016). Später reflektierte er:
«I had the feeling during my very first trip that I experienced something very similar to death.»

Gerade in der Palliativmedizin erhält dies eine besondere Bedeutung: Psychedelika-assistierte Therapie kann Patient*innen helfen, sich dem Sterbeprozess anzunähern, indem sie Erfahrungen ermöglicht, die dem subjektiven Erleben des Sterbens ähneln. Durch bewusstseinsverändernde Zustände, wie sie etwa durch Psilocybin, LSD oder DMT hervorgerufen werden, erleben Betroffene häufig das Auflösen des Ich-Gefühls, den Verlust körperlicher Grenzen oder das Gefühl des « Loslassens» – Phänomene, die als symbolische oder psychologische Annäherung an den Tod verstanden werden können. Diese Erfahrungen erlauben es, existenzielle Ängste vor dem Sterben zu reduzieren, neue Sinnperspektiven zu entwickeln und ein tieferes Vertrauen in den Übergang vom Leben zum Tod zu gewinnen. Auf diese Weise kann psychedelische Therapie die Patient*innen nicht nur psychologisch auf das Sterben vorbereiten, sondern auch ihre Lebensqualität in der letzten Lebensphase deutlich verbessern (Gironda-Martínez et al., 2021).
Verbundenheit zu etwas Grösserem
Ein häufiges Thema psychedelischer Erfahrungen ist Verbundenheit – mit anderen Menschen, mit der Natur oder mit etwas Grösserem, das viele als «Gott» beschreiben (Law, 2022). Auch Andrea schilderte seine Erfahrung mit etwas Grösserem: «There was a source… There’s so many different ways we all try to connect to the source. But the source is always there. This is one of the teachings for me.» (Andrea Siclari, 2025, S.1)
Solche Erfahrungen können das Gefühl existenzieller Isolation auflösen, das viele Schwerkranke belastet. Gleichzeitig entsteht ein neues Sinnempfinden, das nicht mehr an Zukunftspläne oder körperliche Gesundheit gebunden ist. Der Glaube an etwas Grösseres, das auch nach dem Tod beständig bleibt, kann Hoffnung und Erleichterung für viele palliative Patient*innen bedeuten (Wolfson et al., 2020).
Eine zentrale Erkenntnis seiner Therapie fasste Andrea so zusammen:
«You are alive today. There is no past, no future.»
Und dann: Stille kehrt ein
Was geschieht, wenn die Therapie endet? Manche sprechen von Erleichterung, dass ihnen der Tod jetzt nicht mehr fremd erscheint. Andere von Dankbarkeit. Einige von einer neuen Art, die verbleibende Zeit zu leben.
Und irgendwann, früher oder später, endet jedes Leben. Auch dann kehrt Stille ein. Ob die Stille, von der Patient*in nach psychedelischer Therapie berichten, die Befreiung von Angst und Depression ist? Oder ob es die Stille des endgültigen Abschieds ist?
Vielleicht liegt die Kraft dieser Therapie genau darin, dass sich beide Bedeutungen berühren. Dass das eine auf das andere vorbereitet. Oder dass die Grenze zwischen beiden durchlässig wird.






















