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Rosa und Hellblau

Wie sind Frauen und Männer? Geschlechtsstereotypen unter der Lupe
Illustration eines Baggers
Bilder: Isabelle Bartholomä

«Oh, es wird ein Mädchen? Dann werde ich ihr eine rosarote Mütze stricken. Es wird sicher eine ganz Liebe». Geschlechtsstereotypen begleiten uns bereits vor der Geburt. Spätestens mit der Muttermilch saugen wir sie metaphorisch auf. Doch wieso gibt es sie?

D enken Sie an die erste Frau, die Ihnen einfällt. Was für Eigenschaften hat sie? Wie verhält sie sich in Alltagssituationen, zum Beispiel bei einem Spaziergang durch die Stadt? Und wie sieht es mit dem ersten Mann aus, dessen Bild vor Ihrem inneren Auge erscheint? Was sind seine Eigenschaften? Wie verhält er sich?

Rosa und Hellblau – kommunal und agentisch

Geschlechterstereotypen sind in der Gesellschaft bestehende Erwartungen und Überzeugungen bezüglich unterschiedlicher Eigenschaften von Männern und Frauen (Rosenkrantz et al., 1968). Das (vermutete) Geschlecht einer Person nehmen wir sofort wahr (Ellemers, 2018), was automatisch Bilder und Erwartungen in uns hervorruft. Männer sind rational, selbstbewusst, unabhängig, ehrgeizig, aggressiv und mutig. Frauen dagegen sind emotional, liebevoll, sensibel, mitfühlend, höflich und ehrlich. Analysen dieser und vieler weiterer Stereotype zeigen zwei zugrunde liegende Themen auf, wodurch die Stereotype in kommunale und agentische Eigenschaften eingeteilt werden. Agentische Merkmale manifestieren sich durch Selbstbewusstsein und das Bedürfnis, Herr der Lage zu sein (Eagly & Steffen, 1984). Kommunale Merkmale hingegen zeigen sich durch Selbstlosigkeit und Sorge um andere (Eagly & Steffen, 1984). Es gibt verschiedene Ansätze, den Inhalt von Geschlechtsstereotypen wissenschaftlich zu erfassen. Rosenkrantz et al. (1968) legten einer Stichprobe eine Liste mit Verhaltensweisen, Einstellungen, Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmalen vor. Die Versuchspersonen sollten sich vorstellen, eine Person kennenzulernen, von der sie lediglich das Geschlecht kannten. Anschliessend wurden sie gebeten, die Liste durchzugehen und alle Items zu markieren, welche ihrer Meinung nach diese Person charakterisieren. Es zeigte sich grosse Übereinstimmung darüber, welcher Pol «Männlichkeit» beziehungsweise «Weiblichkeit» darstellt. Items mit besonders hoher Übereinstimmung wurden als Geschlechtsstereotyp gewertet (Rosenkrantz et al., 1968). So fanden sich 29 Eigenschaften, die Männern zugeschrieben wurden – unter anderem «aggressiv», «dominant», «objektiv» und «ehrgeizig» – sowie 12 Eigenschaften, die Frauen charakterisieren – zum Beispiel «gesprächig», «sanft», «religiös» und «ruhig». (Rosenkrantz et al., 1968).

Ein Produkt unterschiedlicher sozialer Rollen

Wie kommt es, dass über die Gesellschaft hinweg bestimmte Eigenschaften und Merkmale eher Frauen oder eher Männern zugeschrieben werden? Eine mögliche Antwort auf diese Frage liefert die Social Role Theory von Eagly und Wood (2012). Laut dieser Theorie haben Männer und Frauen aufgrund ihrer physischen Geschlechtsunterschiede – Männer sind grösser, schneller und haben einen stärkeren Oberkörper, während Frauen schwanger werden und stillen können – unterschiedliche soziale Rollen inne. Manche Aktivitäten können von einem Geschlecht effizienter ausgeführt werden, was zu einer Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen geführt hat. Personen beobachten wiederum das Verhalten von Männern und Frauen und schliessen daraus, dass sie Merkmale besitzen müssen, die sie jeweils für ihre Rolle befähigen. Diese Merkmale lassen sich zu Geschlechtsstereotypen zusammenfassen. Entsprechend werden Geschlechterrollen innerhalb einer bestimmten Kultur und Umwelt konstruiert. Für die Individuen wirken sie jedoch wie stabile Eigenschaften von Männern und Frauen (Eagly & Wood, 2012). Um Individuen auf ihre Rolle in Familie und Arbeit vorzubereiten, finden innerhalb der Gesellschaft Sozialisierungsprozesse statt, die Persönlichkeitseigenschaften und Fähigkeiten fördern, welche wiederum die Ausführung der Rolle erleichtern sollen (Eagly & Wood, 2012). Weitere Faktoren sind biologische Prozesse, die durch hormonelle Fluktuationen die Rollenausführung beeinflussen können. Auch psychologische Prozesse spielen eine Rolle, beispielsweise indem Personen Geschlechterrollen internalisieren und damit ihr eigenes Verhalten regulieren (Eagly & Wood, 2012). Der Theorie zufolge dürften die Geschlechtsstereotypen nicht in Stein gemeisselt sein, sondern sollten sich verändern können, wenn sich die sozialen Rollen ändern. Letztere haben sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich gewandelt, wie am Beispiel des vermehrten Einstieges von Frauen in den Arbeitsmarkt, insbesondere in traditionell von Männern dominierte Bereiche erkennbar ist.

Geschlechterstereotypen im Wandel

Eine Metaanalyse betrachtete Studien aus den USA zu Geschlechtsstereotypen zwischen 1946 und 2018 (Eagly et al., 2020). Die Ergebnisse zeigten, dass Frauen im Laufe der Zeit verstärkt kommunale Eigenschaften zugeschrieben wurden. Für agentische Eigenschaften zeigte sich kein Trend. In Bezug auf Kompetenz und Intelligenz zeigte sich, dass Frauen und Männer in diesem Bereich zunehmend gleich eingeschätzt wurden (Eagly et al., 2020). Es gibt also Hinweise darauf, dass sich Geschlechterstereotypen tatsächlich mit dem Wandel sozialer Rollen verändern können.

Gender similarities hypothesis

Unterscheiden sich Männer und Frauen tatsächlich, abgesehen von den zugeschriebenen Eigenschaften? Hyde (2014) beschäftigte sich mit dieser Frage und formulierte die Gender similarities hypothesis, welche besagt, dass Männer und Frauen sich in vielen, wenn auch nicht allen psychologischen Variablen ähnlich sind. Die Autorin belegte ihre Hypothese mit einem Review basierend auf 46 Meta-Analysen. Tatsächlich finden sich in den meisten untersuchten Bereichen, beispielsweise Mathematik, verbalen Fähigkeiten, Einstellungen, Temperament, Persönlichkeitsmerkmalen, Emotionalität und Interessen, Ähnlichkeiten und maximal kleine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die Ausnahmen mit mittleren bis vereinzelt starken Effekten sind unter anderem mentale Rotation (das Drehen von Figuren im Kopf in eine andere Perspektive), Verträglichkeit, manche sexuelle Verhaltensweisen und Einstellungen bezüglich Sex (Hyde, 2014).

Abweichungen von Stereotyp

Zu Beginn dieses Artikels haben Sie sich überlegt, welche Eigenschaften eine Frau und ein Mann aus Ihrem Leben haben. Haben Sie der Frau eher kommunale und wenige agentische Eigenschaften zugeschrieben? Und stellten Sie sich den Mann wiederum eher agentisch und wenig kommunal vor? Vielleicht trifft dies zu, aber sicherlich kennen Sie Frauen und Männer, die von den allgemeinen Erwartungen dieser Stereotypen abweichen (Ellemers, 2018). Stereotype spiegeln Erwartungen über Mitglieder einer bestimmten sozialen Gruppe wider. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich zwingend jedes Individuum von anderen Gruppen unterscheidet, selbst wenn tatsächlich Unterschiede bestehen (Ellemers, 2018). Beispielsweise sind Männer im Durchschnitt grösser als Frauen, und doch gibt es viele Frauen, die grösser sind als mancher Mann. In Bezug auf Geschlechtsstereotype kann es zu sogenannten Backlash-Effekten kommen, wenn eine Person sich nicht dem Stereotyp entsprechend verhält. Dabei werden Personen, die atypisches Verhalten zeigen, negativer beurteilt als Personen des anderen Geschlechts, wenn diese dasselbe Verhalten zeigen (Rudman, 1998). So befinden sich Frauen in Bezug auf Führungspositionen in einer schwierigen Lage. Sie können kommunales Verhalten zeigen, werden gemocht, aber nicht unbedingt respektiert, oder sie zeigen agentisches Verhalten, werden respektiert, aber möglicherweise nicht gemocht (Rudman & Glick, 2001). Beide Optionen erschweren ihnen die Übernahme und Ausführung von Führungspositionen (Rudman & Glick, 2001).

«Seit ich denken kann, erzählt man mir was Männer so tun. Und seit ich denken kann, fühl ich mich nicht männlich genug. Seit ich denken kann, sagt man mir wie Frauen so sind. Und Frauen sind so, weil man Frauen sagt wie Frauen so sind.»

Lyrics von CONNY, 2022

Rosa und Hellblau und Grün und Gelb und Türkis und Violett und…

Mithilfe von Geschlechtsstereotypen haben wir direkt Informationen über eine Person, selbst wenn wir ausser ihrem Geschlecht nichts über sie wissen. Dennoch kennen wir alle genügend Beispiele von Individuen, bei denen wir unser Bild komplett revidieren mussten, nachdem wir sie etwas genauer kennengelernt haben. Zur Orientierung und Vereinfachung machen Stereotype durchaus Sinn, doch halten wir zu sehr daran fest, können sich Nachteile für alle ergeben. Denn Stereotype formen nicht nur unsere individuelle Sichtweise, sondern beeinflussen auch soziale Normen und Erwartungen, die sich auf verschiedene Lebensbereiche auswirken, von Bildung und Beruf bis hin zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch wenn die Geschlechtsstereotype tief in unserer Gesellschaft verankert sind, haben Studien gezeigt, dass sie sich über die Zeit durchaus verändern können. Insgesamt ist es entscheidend, sich den Auswirkungen dieser Stereotype bewusst zu sein und einen ausgewogenen Ansatz zu finden, um potenziell negativen Vorurteilen entgegenzuwirken und Raum für individuelle Vielfalt zu schaffen.

Zum Weiterlesen

Referenzen

  • CONNY. (2022). Rote Linien [Song]. On Manic Pixie Dream Boy Vol. 2.
  • Eagly, A. H., Nater, C., Miller, D. I., Kaufmann, M., & Sczesny, S. (2020). Gender stereotypes have changed: A cross-temporal meta-analysis of U.S. public opinion polls from 1946 to 2018. American Psychologist, 75(3), 301–315. https://doi.org/10.1037/amp0000494
  • Eagly, A. H., & Steffen, V. J. (1984). Gender stereotypes stem from the distribution of women and men into social roles. Journal of Personality and Social Psychology, 46(4), 735–754. https://doi.org/10.1037/0022-3514.46.4.735
  • Eagly, A. H., & Wood, W. (2012). Social Role Theory. In P. Van Lange, A. Kruglanski, & E. Higgins, Handbook of Theories of Social Psychology (pp. 458–476). SAGE Publications Ltd. https://doi.org/10.4135/9781446249222.n4
  • Ellemers, N. (2018). Gender Stereotypes. Annual Review of Psychology, 69(1), 275–298. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-122216-011719
  • Hyde, J. S. (2014). Gender Similarities and Differences. Annual Review of Psychology, 65(1), 373–398. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-010213-115057
  • Koenig, A. M. (2018). Comparing Prescriptive and Descriptive Gender Stereotypes About Children, Adults, and the Elderly. Frontiers in Psychology, 9, 1086. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.01086
  • Prentice, D. A., & Carranza, E. (2002). What Women and Men Should Be, Shouldn’t be, are Allowed to be, and don’t Have to Be: The Contents of Prescriptive Gender Stereotypes. Psychology of Women Quarterly, 26(4), 269–281. https://doi.org/10.1111/1471-6402.t01-1-00066
  • Rosenkrantz, P., Vogel, S., Bee, H., Broverman, I., & Broverman, D. M. (1968). Sex-role stereotypes and self-concepts in college students. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 32(3), 287–295. https://doi.org/10.1037/h0025909
  • Rudman, L. A. (1998). Self-promotion as a risk factor for women: The costs and benefits of counterstereotypical impression management. Journal of Personality and Social Psychology, 74(3), 629–645. https://doi.org/10.1037/0022-3514.74.3.629
  • Rudman, L. A., & Glick, P. (2001). Prescriptive Gender Stereotypes and Backlash Toward Agentic Women. Journal of Social Issues, 57(4), 743–762. https://doi.org/10.1111/0022-4537.00239