Magazin für Psychologie

Mitmachen
Wandel

Tabu oder Normalität?

Kulturunterschiede im Vergleich
Bilder: Yannick Staerk

Ob bestimmte Themen und Gefühle, Tischmanieren oder der Umgang mit dem Sterben – was als normal gilt, variiert von Kultur zu Kultur erheblich. Dieser Artikel beleuchtet die teils überraschend unterschiedlichen Vorstellungen gesellschaftlicher Grenzen in verschiedenen kulturellen Kontexten.

W ährend bestimmte Verhaltensweisen in einigen Gesellschaften alltäglich sind, gelten sie anderswo als absolutes Tabu. Ein Tabu wird als gesellschaftliches Verbot oder Norm verstanden, das festlegt, welche Themen, Verhaltensweisen oder Handlungen als unangemessen, peinlich oder in moralischer Hinsicht als problematisch gelten (Hall, 1976). Es trägt dazu bei, soziale Ordnung aufrechtzuerhalten und gemeinsame Werte innerhalb einer Gesellschaft zu schützen (Hofstede et al., 2010). Da Tabus eng mit kulturellen Vorstellungen, Traditionen und sozialen Erwartungen verknüpft sind, können sie sich in verschiedenen Teilen der Welt stark unterscheiden (Meyer, 2014). Wagen wir also einen Blick über die Landesgrenze, um zu sehen, wie unterschiedlich solche Tabus ausfallen können.

Tabu, das

  1. Kulturanthropologie: (Bei bestimmten indigenen Bevölkerungsgruppen) Verbot, bestimmte Handlungen auszuführen, besonders geheiligte Personen oder Gegenstände zu berühren, anzublicken, zu nennen, bestimmte Speisen zu geniessen.
  2. Bildungssprachlich: Ungeschriebenes Gesetz, das aufgrund bestimmter Anschauungen innerhalb einer Gesellschaft verbietet, bestimmte Dinge zu tun (Dudenredaktion, o. D.).

Finanzen

In der Schweiz gelten Gespräche über Einkommen, Vermögen oder finanzielle Verhältnisse meist als private Angelegenheit, die vor allem im engen persönlichen Umfeld thematisiert wird (Meyer, 2014). Direkt nach dem Gehalt einer Person zu fragen, kann deshalb als unangemessen oder aufdringlich wahrgenommen werden (Lewis, 2006). Diese Zurückhaltung steht vermutlich im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Werten wie Diskretion, Bescheidenheit und dem Schutz der Privatsphäre (Meyer, 2014). In skandinavischen Ländern hingegen, insbesondere in Schweden, ist der Umgang mit finanziellen Informationen traditionell offener (Berggren & Trägårdh, 2015). Aufgrund des schwedischen Öffentlichkeitsprinzips sind Steuerdaten grundsätzlich öffentlich zugänglich, wodurch Einkommen und Vermögen weniger stark als rein private Informationen betrachtet werden (Berggren & Trägårdh, 2015). Diese Transparenz wird häufig mit gesellschaftlichen Idealen wie Gleichheit, Vertrauen und Offenheit in Verbindung gebracht (Hofstede et al., 2010).

Einsamkeit

Gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) wird Einsamkeit in der Schweiz häufig als persönliches und schwer ansprechbares Problem erlebt, obwohl empirische Daten zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung in der Schweiz sich zumindest gelegentlich einsam fühlt (2025). Besonders im höheren Alter ist Einsamkeit weit verbreitet und betrifft laut Studien der Stiftung Pro Senectute Schweiz (2024) rund jede vierte bis dritte Person. Gleichzeitig weisen Betroffene häufig eine hohe Hemmschwelle auf, über Einsamkeit zu sprechen, da das Thema mit Scham und sozialer Stigmatisierung verbunden sein kann (Pro Senectute Schweiz, 2024). Im Kontrast dazu gilt Grossbritannien als eines der Länder, in denen Einsamkeit am stärksten als gesellschaftliches Problem sichtbar gemacht und politisch adressiert wird (HM Government, 2018). Im Jahr 2018 setzte die britische Regierung mit der Ernennung einer «Ministerin für Einsamkeit» ein symbolisch und politisch bedeutendes Zeichen für die Enttabuisierung des Themas (HM Government, 2018). Einsamkeit wird in Grossbritannien nicht primär als individuelles Versagen verstanden, sondern als gesellschaftliche Herausforderung, die Gesundheit, Lebensqualität und soziale Teilhabe beeinflusst (Office for National Statistics, 2023). Besonders seit der COVID-19-Pandemie hat sich die öffentliche Diskussion intensiviert und seither wird Einsamkeit verstärkt als «epidemisches» soziales Problem beschrieben (Campaign to End Loneliness, 2021). Diese öffentliche Thematisierung hat dazu geführt, dass zahlreiche Kampagnen, Forschungsprogramme und zivilgesellschaftliche Initiativen entstanden sind, die soziale Isolation reduzieren sollen (Campaign to End Loneliness, 2021). Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass trotz der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit weiterhin individuelle Scham- und Rückzugstendenzen bestehen (Victor et al., 2005). Damit wird deutlich, dass die Enttabuisierung auf politischer und institutioneller Ebene weiter fortgeschritten ist als im alltäglichen zwischenmenschlichen Umgang (Victor et al., 2005).

Intimität

In der Schweiz gelten öffentliche Zuneigungsbekundungen, etwa Händchenhalten oder kurze Umarmungen, weitgehend als sozial akzeptiert, solange diese im Rahmen moderater Zurückhaltung bleiben (Meyer, 2014). Die Schweizer Gesellschaft bewegt sich damit im europäischen Kontext in einem «mitteloffenen Bereich», in dem Intimität sichtbar sein darf, jedoch nicht stark inszeniert werden sollte (Lewis, 2006). In Japan dagegen wird körperliche Intimität in der Öffentlichkeit traditionell deutlich reservierter gezeigt (Benedict, 1946). Öffentliche Zuneigungsbekundungen wie Küssen oder längeres Umarmen gelten häufig als unangemessen und werden tendenziell vermieden, da sie die soziale Harmonie und die Kunst der Zurückhaltung («enryo») stören können (Hendry, 2012).

Tod

Der Umgang mit Tod und Sterben ist stark kulturell geprägt und reicht von eher privatisierten, zurückhaltenden Praktiken bis hin zu öffentlich sichtbaren und ritualisierten Formen der Erinnerung (Ariès, 1981). In der Schweiz wird der Tod überwiegend als intimes und privates Ereignis behandelt, das im familiären oder institutionellen Rahmen (z. B. im Krankenhaus oder im Bestattungswesen) stattfindet (Walter, 1994). Öffentliche Inszenierungen von Trauer sind eher zurückhaltend, und der gesellschaftliche Diskurs über den Tod ist häufig von Distanz, Formalität und dem Wunsch nach Privatsphäre geprägt (Ariès, 1981). Dadurch kann der Tod im Alltag als ein Thema erscheinen, das zwar präsent, aber selten offen thematisiert wird (Walter, 1994). In Mexiko wiederum ist der Tod kulturell stärker in den Alltag und in kollektive Rituale eingebunden, insbesondere durch den «Día de Muertos», den Tag der Toten (Lomnitz, 2005). Während dieses Festes wird der Tod nicht ausschliesslich als Verlust oder Ende verstanden, sondern auch als Teil eines zyklischen Verständnisses von Leben, Erinnerung und Kontinuität (Brandes, 2006). Familien gestalten Altäre, sogenannte «ofrendas», und feiern symbolisch die Rückkehr der Verstorbenen, wodurch eine aktive Beziehung zwischen Lebenden und Toten hergestellt wird (UNESCO, 2008). Diese Praxis trägt dazu bei, den Tod weniger als Tabu und stärker als sozial integrierten Bestandteil kultureller Identität zu verstehen (Lomnitz, 2005).

Umgangsformen

Selbst scheinbare Kleinigkeiten können von Kultur zu Kultur unterschiedlich gehandhabt werden. So gilt beispielsweise Pünktlichkeit in der Schweiz als klare soziale Erwartung, insbesondere in beruflichen und formellen Kontexten, während Verspätungen häufig als mangelnde Verlässlichkeit oder Respektlosigkeit interpretiert werden (Lewis, 2006). Diese starke Orientierung an Zeitplanung und Struktur spiegelt eine Kultur wider, in der Verbindlichkeit und Effizienz hohe soziale Werte darstellen (Meyer, 2014). In vielen lateinamerikanischen Ländern, etwa in Brasilien, Mexiko oder Kolumbien, wird Zeit im sozialen Alltag hingegen oft flexibler betrachtet als in der Schweiz (Lewis, 2006). Verspätungen werden in informellen Kontexten häufig weniger streng bewertet, da soziale Beziehungen und persönliche Interaktion teilweise höher gewichtet werden als strikte Zeitpläne (Meyer, 2014). Auch beim Essverhalten, etwa beim Schmatzen oder lauten Geräuschen beim Essen, bestehen innerhalb der schweizerischen Kultur strikte Normen der Zurückhaltung, die als Ausdruck von Höflichkeit gelten (Hofstede et al., 2010). In mehreren ostasiatischen Kulturen, insbesondere in Japan, China oder Südkorea, kann das Schlürfen oder laute Essen hingegen eine andere Bedeutung haben (Hendry, 2012). Besonders beim Essen von Nudeln gilt das hörbare Schlürfen in Japan teilweise als Zeichen von Genuss und Wertschätzung gegenüber dem Essen sowie dem Koch (Lebra, 1976).

«Social Systems can exist only because human behaviour is not random, but to some extent predictable.»

Hofstede, 2001, S. 1

Mehr als richtig oder falsch

Tabus stellen selten absolute Verbote dar, sondern definieren vielmehr Grenzen der sozialen Sichtbarkeit und emotionalen Angemessenheit. Viele Themen sind nicht vollständig unaussprechlich, werden jedoch unterschiedlich stark mit Scham, Respekt oder sozialer Zurückhaltung verbunden. Dadurch entstehen feine kulturelle Grenzen, die das Verhalten im Alltag unbewusst steuern. Insgesamt zeigt sich, dass kulturelle Unterschiede weniger als Gegensatz zwischen richtig und falsch verstanden werden sollten, sondern eher als Ausdruck verschiedener historisch gewachsener Wertsysteme. Ein bewusster Umgang mit diesen Unterschieden ermöglicht nicht nur interkulturelles Verständnis, sondern auch eine kritischere Reflexion der eigenen kulturellen Normen.

Zum Weiterlesen

  • Hofstede, G., Hofstede, G. J. & Minkov, M. (2010). Cultures and Organizations: Software of the Mind (3. Aufl.). McGraw-Hill. 
  • Meyer, E. (2014). The Culture Map: Breaking Through the Invisible Boundaries of Global Business. PublicAffairs.

Referenzen