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Syndrom

Subjektiver Tinnitus – Nur lästiges Fiepen?

Psychologische Forschung zu einem unsichtbaren Leiden
Bilder: Jasmina Brunner

Weltweit sind 749 Millionen Erwachsene von Tinnitus betroffen und mehr als fünf Prozent der Betroffenen leiden stark darunter. Wie bei vielen Krankheiten hat auch beim Tinnitus die Psyche einen Einfluss auf die Ausprägung des Syndroms. Verschiedene Studien belegen diese psychischen Korrelate sowie die Wirksamkeit verschiedener psychologischer Interventionen.

W er selbst keinen Tinnitus hat und sich nur schwer vorstellen kann, wie sich das für Betroffene anfühlt, kann versuchen sein Gehirn zu «überlisten» und durch das Phänomen des Zwicker-Tons (Link zum Video siehe Zum Weiterlesen) kurzzeitig selbst einen Tinnitus zu erzeugen. Diese Wahrnehmung entsteht durch eine Art des auditiven «Nachhallens» (Barker et al., 2025).

Tinnitus im ICD-11

Tinnitus wird mit dem Code MC40 identifiziert und wie folgt beschrieben: «A nonspecific symptom of hearing disorder characterised by the sensation of buzzing […] and other noises in the ear in the absence of […] external stimuli and in the absence of what the examiner can hear with a stethoscope» (World Health Organization [WHO], 2025).

Es wird zwischen subjektivem und objektivem Tinnitus unterschieden. Menschen, die von subjektivem Tinnitus betroffen sind, nehmen Geräusche wahr, die keiner externen Schallquelle zugeordnet werden können (Kramer et al., 2022). Im Unterschied dazu steht der objektive Tinnitus, bei dem das wahrgenommene Geräusch im Körper entsteht (Stattrop & Goebel, 2019). Der objektive Tinnitus – im Gegensatz zum subjektiven – ist somit physikalisch messbar, was die Diagnose vereinfacht.

Die Diagnose des subjektiven Tinnitus erfolgt momentan nach dem Ausschlussverfahren anderer möglicher Erkrankungen. Wenn der Verdacht auf Tinnitus besteht, müssen zuerst andere Erkrankungen, beispielsweise zahnmedizinische oder physiologische Ursachen ausgeschlossen werden. Nur wenn diese Befunde negativ ausfallen, kann die Diagnose des Tinnitus vergeben werden (Stattrop & Goebel, 2019).

Erklärungsmodelle für die Ursachen von subjektivem Tinnitus

Die Forschung zu den Ursachen und der Entstehung von Tinnitus hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Tinnitus entsteht laut Eggermont & Roberts (2004), wenn aufgrund einer Schädigung des Hörsystems bestimmte Frequenzen aus der Umwelt nicht mehr ins Gehirn gelangen. Es wird angenommen, dass dieser fehlende auditorische Input, dazu führt, dass andere Frequenzabschnitte nicht genügend inhibiert werden. Das Gleichgewicht zwischen Erregung und Hemmung kippt dann zugunsten der Erregung, was zu einer zentralen Übererregbarkeit führt.

Im neueren Modell von Sedley et al. (2016) wird Tinnitus als Ergebnis fehlerhafter Vorhersageprozesse im Gehirn beschrieben. Das Hörsystem arbeitet nach dem Prinzip des predictive coding, was bedeutet, dass das Gehirn ständig Vorhersagen erzeugt, wie die Welt klingen sollte und diese mit den tatsächlichen Geräuschen aus der Umwelt abgleicht. Wenn durch eine Schädigung des Hörsystems bestimmte Geräusche aus der Umwelt nicht mehr wahrgenommen werden, stützt sich das Gehirn ausschliesslich auf die Vorhersage und kann diese nicht mehr mit externen Inputs abgleichen. Dadurch wird die interne, neuronale Aktivität als reales Geräusch interpretiert (Sedley et al., 2016).

«Therefore, we should emphasize the importance of psychotherapy and implement a comprehensive treatment plan to help patients better manage their tinnitus symptoms and improve their quality of life.»

Jiang et al., 2025, S. 14

Psychologische Korrelate

Ein durch Tinnitus hervorgerufener hoher Leidensdruck hängt mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für psychische Komorbiditäten zusammen (Stattrop & Goebel, 2019). Eine Metaanalyse von Jiang et al. (2025) fand signifikante Zusammenhänge zwischen Tinnitus und Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen sowie generellem Stress. Die Autor*innen erklären die gefundenen Zusammenhänge durch die erhöhte Vulnerabilität von Tinnitus-Betroffenen. Sie gehen davon aus, dass Menschen mit einem erhöhten Stresslevel, welches möglicherweise durch Tinnitus mitverursacht wird, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, psychisch zu erkranken. Es wird ausserdem vermutet, dass beide Phänomene, Tinnitus und psychische Belastung, auf gemeinsamen Risikofaktoren beruhen könnten. Beispiele für solche möglichen Risikofaktoren sind beispielsweise ein erhöhtes Stresserleben, genetische Prädisposition oder maladaptive Bewältigungsstrategien (Jiang et al., 2025). Es gibt aber auch psychologische Forschung mit Fokus auf Persönlichkeitsmerkmale, die Tinnitus möglicherweise verstärken könnten. Beispielsweise fand das systematische Review von Bernal-Robledano et al. (2025) eine starke Korrelation zwischen Neurotizismus und Tinnitus. Die Studie zeigt, dass hohe Ausprägungen auf der Neurotizismus-Skala mit erhöhten Werten in der subjektiven Belastung durch Tinnitus einhergehen (Bernal-Robledano et al., 2025).

Wer sich weiter über Tinnitus informieren will oder Teil der Forschung zu Tinnitus werden möchte, kann das über die Universität Zürich (UZH) tun. Die interdisziplinäre Tinnitus-Forschung der UZH unter der Leitung von Prof. Dr. Kleinjung, PD Dr. Neff und Prof. Dr. Meyer suchen immer wieder Versuchspersonen. Zusätzlich bieten sie mit dem Universitätsspital Zürich zusammen Sprechstunden und ein Forum für Betroffene an. Weitere Infos unter: https://www.tinnitus.uzh.ch/de.html

Bis heute kann Tinnitus nicht vollständig geheilt werden (McFerran et al., 2019). Allerdings gibt es verschiedene Therapiemöglichkeiten, die an den vielfältigen Ursachen und Verstärkern ansetzen. Bereits bei Tinnitus mit geringem Hörverlust wird ein Hörgerät empfohlen, da es die Belastung durch den Tinnitus spürbar reduzieren kann. Als möglicher Wirkfaktor dieser Intervention wird diskutiert, dass bei Hörverlust die Hemmung im betroffenen Frequenzbereich verringert ist und damit der Tinnitus verstärkt wird (Hesse & Kastellis, 2024). Auditorische Trainings erwiesen sich vor allem durch Frequenzdiskriminierungs- und Aufmerksamkeitsübungen als wirksam, wobei noch keine Therapieempfehlung daraus resultieren (Barros et al., 2024). Für medikamentöse Behandlungen gibt es noch keine gesicherte Evidenz (Mazurek et al., 2025).

Bei der Behandlung von Tinnitus sollte die psychologische Komponente in die Intervention integriert werden. Vor allem die edukative und kognitive Auseinandersetzung mit den Symptomen kann zu einer langfristigen Entlastung führen. Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) erwies sich bei chronischem subjektivem Tinnitus als wirksam, vermutlich weil sie maladaptive Verhaltensmuster und Stressbewältigung verbessern kann (Mazurek et al., 2025).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Tinnitus derzeit intensiv erforscht wird, wobei es sich vorranging Grundlagenforschung handelt. Obwohl bereits verschiedene medizinische und psychologische Interventionsansätze existieren, sind nur wenige davon ausreichend evidenzbasiert untersucht worden. Dies hat unter anderem zur Folge, dass es aktuell noch keine kurativen Therapieansätze für Patient*innen mit Tinnitus gibt. Auch die psychologische Komponente des Tinnitus erfordert weiterführende Forschung, obgleich die kognitive Verhaltenstherapie bei chronischem Tinnitus bereits in den deutschen Leitlinien der AWMF empfohlen wird. Neuere Befunde zeigen zudem, dass psychische Belastungen nicht nur eine Folge, sondern möglicherweise auch eine Ursache von Tinnitus sein können.

Es bestehen weiterhin zahlreiche offene Forschungsfragen. Sowohl von Seiten der Betroffenen als auch der Behandelnden sowie des Gesundheitssystems besteht grosser Bedarf an neuer, belastbarer Evidenz. Kontrastär zum Titel dieser Ausgabe, wird deswegen einiges darangesetzt, dass im Bereich der Tinnitusforschung noch lange keine Stille einkehren wird.

Zum Weiterlesen

Referenzen

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