Die Perimenopause verändert das Gehirn, lange bevor die Periode ausbleibt. Dabei kann sie Angst und Depressionen auslösen. Die Zusammenhänge und Belastungen sind kaum erforscht und werden noch seltener besprochen.
Ü ber die Menopause wird selten gesprochen – und wenn, dann meist nicht ausreichend. Dabei beginnt sie bei den meisten Frauen zwischen 45 und 55 Jahren. Medizinisch ist sie klar definiert: das dauerhafte Ausbleiben der Menstruation für mindestens zwölf aufeinanderfolgende Monate (Delanerolle et al., 2025). Auch die körperlichen Folgen sind vielen ein Begriff, von Hitzewallungen bis hin zu nächtlichem Schwitzen und Schlafstörungen (Delanerolle et al., 2025). Deutlich weniger bekannt und erforscht sind hingegen die psychischen Folgen. Die Menopause ist daher weit mehr als nur ein biologisches Ereignis und viele Frauen sind darauf nicht vorbereitet. Hinzu kommt, dass diese psychischen Belastungen meist nicht erst mit der Menopause selbst beginnen, sondern schon Jahre davor in der sogenannten Perimenopause (Crockett et al., 2026). Diese Übergangsphase kann bis zu zehn Jahre vor der letzten Periode einsetzen. Die Menstruation bleibt dabei zunächst oft regelmässig, sodass viele Frauen gar nicht merken, dass der Prozess bereits begonnen hat. Doch gerade in dieser Phase, nicht erst danach, sind psychische Belastungen oft am stärksten jedoch am wenigsten das Thema (Crockett et al., 2026).
Die Abnahme der Sexualhormone
Die Ursache ist ein neuroendokrinologischer Prozess, bei dem die Sexualhormone unvorhersehbar schwanken und im Verlauf abnehmen. Dieser Rückgang hat nicht nur mit der reproduktiven Übergangsphase zu tun, sondern beeinflusst auch die Alterungsverläufe anderer Organsysteme, insbesondere des Gehirns (Crockett et al., 2026; Mosconi et al., 2021). Sexualhormone wie Östrogen und Testosteron erfüllen zahlreiche Funktionen im Körper und gelten als wichtige Regulatoren sowohl reproduktiver als auch neuronaler Prozesse (Mosconi et al., 2021; Crockett et al., 2026). Östrogenrezeptoren sind entsprechend im gesamten Gehirn weit verbreitet, besonders in emotions- und kognitionsrelevanten Regionen wie dem Hippocampus und dem präfrontalen Kortex (Cho et al., 2025). Diese Rezeptoren tragen auch zur serotonergen Aktivität bei. Sinkt der Östrogenspiegel, sinkt damit auch das Serotonin, ein Schlüsselfaktor für Störungen wie Depression und Angst (Cho et al., 2025). Ähnliches gilt für Testosteron: Auch dessen Rezeptoren sind im Gehirn weit verbreitet. Ein sinkender Testosteronspiegel wird neben vermindertem sexuellem Verlangen auch mit gedrückter Stimmung, Angstgefühlen, Erschöpfung und Konzentrationsproblemen in Verbindung gebracht (Crockett et al., 2026).
Ein Zusammenspiel vieler Faktoren
Wie stark sich diese hormonellen Veränderungen auf die Psyche auswirken, ist jedoch nicht bei allen Frauen gleich. Ein pauschal erhöhtes Risiko für Depression liess sich in grösseren Übersichtsstudien nicht bestätigen. Stattdessen sind es bestimmte Gruppen, die besonders gefährdet sind, etwa Frauen mit starken, schlafstörenden Hitzewallungen, einer besonders langen dauernden Übergangsphase oder einer früheren depressiven Episode (Brown et al., 2024). Auch äussere Faktoren wie Beziehungsprobleme oder finanzielle Sorgen erhöhen die Verletzlichkeit zusätzlich (Hendriks et al., 2025). Entsprechend gibt es nicht den einen Behandlungsansatz: Sowohl die Linderung körperlicher Symptome wie Hitzewallungen, die den Schlaf stören, als auch eine Hormontherapie zur Stabilisierung des Östradiolspiegels, der wirksamsten Form von Östrogen (Yaşar et al., 2016), können Stimmungssymptome verbessern (Troìa et al., 2025). Um gefährdete Frauen frühzeitiger zu erkennen, empfehlen Brown et al. (2024) zudem eine stärkere Sensibilisierung für diese Risikofaktoren in der ärztlichen Grundversorgung.
Eine andere Art von Depression
Diese hormonell bedingten Veränderungen können mitunter zu einer Depression führen, die sich von anderen Formen unterscheidet: Sie tritt ohne äusseren Auslöser, ohne offensichtliche Lebenskrise auf, dafür mit einer starken, verwirrenden Wucht. Manche Frauen aus der Studie von Hendriks et al. (2025) fühlten sich dadurch regelrecht deplatziert, etwa in der Psychotherapie, wo ihr eigentlich stabiles und erfülltes Leben kaum zu den Themen zu passen schien, die dort sonst besprochen wurden. Eine Studieteilnehmerin formulierte es so:
«I just didn’t have anything to say [in therapy] … I felt ridiculous because everyone I was surrounded by had these huge life problems, and I was just like … I love my husband, I’ve got three great kids and I’m really enjoying my life. And they said I wasn’t being honest. Sometimes I tried to make things up so I had something to say.»
Was diese Form der Depression von einer klassischen depressiven Episode unterscheidet, scheint vor allem die erhaltene Einsicht zu sein: Die betroffenen Frauen wissen, dass ihre Stimmungsveränderung hormonell bedingt ist; eine rationale Klarheit, die bei klassischen Depressionen meist fehlt. Das bringt jedoch auch ein Gefühl der Ohnmacht mit sich, da sie ihren emotionalen Abstieg zwar bewusst wahrnehmen, ihn aber nicht aufhalten können:
«I believe the drop in oestrogen had caused issues with my brain. I could feel something wasn’t right, but I couldn’t stop it … I had enough insight to know that this was not me.»
Was Frauen über die Menopause wissen (und was nicht)
Wie gut sind Frauen eigentlich informiert? Eine Befragung zeigt: Die meisten waren vor ihrem 40. Lebensjahr kaum oder nur oberflächlich über die Menopause informiert. Über 80 Prozent hatten in der Schule nie etwas darüber gelernt, obwohl sich die Mehrheit genau das gewünscht hätte. Als Informationsquelle dienten meist unabhängige Websites oder Freundinnen, kaum aber Fachpersonen. Interessant: Frauen, die die Perimenopause oder Menopause bereits durchlebten, hatten tendenziell eine positivere Einstellung dazu als jene, die noch davorstanden, was zeigt, wie sehr Erwartung und tatsächliches Erleben auseinanderklaffen können. Dennoch empfanden 57,5 Prozent der postmenopausalen Frauen diese Phase als schwierig oder sehr schwierig (Tariq et al., 2023).
Eine universelle Übergangsphase: kein Grund zur Panik
Dennoch handelt es sich um einen natürlichen physiologischen Prozess, den jede Frau durchläuft, und nicht um eine Pathologie. Studien zeigen, dass sich viele der beobachteten Hirnveränderungen nach der Perimenopause weitgehend wieder normalisieren. So erholen sich sowohl bestimmte Biomarker (Stoffwechselwerte) als auch das Volumen der grauen Substanz, jenem Gehirngewebe, das den Grossteil der Nervenzellen enthält, bei postmenopausalen Frauen, was auf Kompensationsmechanismen des Gehirns hindeutet (Mosconi et al., 2021). Es passt sich schrittweise an den niedrigeren Östrogenspiegel, an eine Art neurologischer «Reset», der erklären könnte, warum auch akute Symptome wie Hitzewallungen typischerweise nach zwei bis sieben Jahren nachlassen (Mosconi et al., 2021). Die eigentliche Vulnerabilität liegt somit weniger in der Menopause selbst oder der Zeit danach, sondern in der Perimenopause, jener Übergangsphase, in der das Risiko für psychische Erkrankungen am höchsten ist. Entsprechend sollte sich Unterstützung genau auf diese Phase konzentrieren, damit Frauen einen möglichst sanften Übergang erleben können.
Wie wichtig ein rechtzeitiger und korrekter Zugang zu Behandlung ist, zeigen auch Erfahrungsberichte betroffener Frauen: Manchen wurden zunächst fälschlicherweise Antidepressiva statt einer Hormonersatztherapie verschrieben, was ihre Beschwerden eher verschlimmerte. Erhielten sie hingegen rechtzeitig eine Hormonersatztherapie, verbesserte sich ihr psychisches Wohlbefinden spürbar (Hendriks et al., 2025).
Obwohl fast jede Frau betroffen ist und bis zu zwölf Prozent eines Frauenlebens auf die Perimenopause allein entfallen können, bleibt die Forschung spärlich und das öffentliche Gespräch noch mehr (Crockett et al., 2026). Viele Frauen sind selbst wenig informiert und begegnen dieser Phase öfters mit negativen Erwartungen. Eine bessere Aufklärung würde sowohl die Lebensqualität während der Perimenopause als auch das Bild der Zeit danach verbessern (Tariq et al., 2023). Dieses Wissen ist deshalb besonders für betroffene Frauen und Fachpersonen relevant, damit Erfahrungen ernst genommen werden und angemessene Behandlungen stattfinden.























