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Alltag

Achtsamkeit

Die grosse Bedeutung kleiner Momente
Bilder: Yannick Staerk

Aus einer ursprünglich spirituellen Idee wuchs die Achtsamkeit in den letzten Jahren zu einer wissenschaftlich anerkannten Praxis. Im Zentrum steht der Aufbau von Urvertrauen, das zu mehr Selbstsicherheit und innerer Ruhe führt. Voll und ganz im Moment zu sein, reduziert nachweislich Stress, lindert Ängste und verbessert die Stimmung.

S owohl im alltäglichen Sprachgebrauch als auch in wissenschaftlichen Kreisen gewinnt der Begriff «Achtsamkeit», auch bekannt als «Mindfulness», zunehmend an Bedeutung. In der Psychotherapie wird Achtsamkeit heutzutage als zentrale Intervention eingesetzt und zeigt Vorteile sowohl für Patient*innen als auch für Therapeut*innen (Schmiedeler, 2024). Trotz der überwiegend positiven Haltung gegenüber der Achtsamkeit mehren sich jedoch auch kritische Stimmen, die auf mögliche Risiken und Fehlanwendungen hinweisen (Schmiedeler, 2024). Der vorliegende Artikel beleuchtet die Ursprünge und das Grundverständnis der Achtsamkeit, ihr therapeutisches Potenzial sowie mögliche Grenzen und Risiken.

«Wenn wir wirklich lebendig sind, ist alles, was wir tun oder spüren, ein Wunder. Achtsamkeit zu üben bedeutet, zum Leben im gegenwärtigen Augenblick zurückzukehren.»

Thich Nhat Hanh

Das Prinzip der Achtsamkeit

Die Achtsamkeit als Konzept entstammt dem Buddhismus, findet jedoch seit mehreren Jahrzehnten vermehrt Eingang in die Psychologie und Psychotherapie (Kuschel, 2016). Achtsam zu sein bedeutet, das Hier und Jetzt bewusst so anzunehmen, wie es ist – ohne es zu bewerten oder verändern zu wollen (Michalak, Heidenreich & Williams, 2022). Der Schlüssel der Achtsamkeit liegt in der wertfreien Annahme der eigenen Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen und Erfahrungen (Kuschel, 2016).

Ein wesentliches Ziel der Achtsamkeit ist es, automatisierte Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen und zu unterbrechen. Sie wirkt dabei wie eine «Pause-Taste» zwischen Reiz und Reaktion (Kuschel, 2015). Dieser Mechanismus ermöglicht es, bewusster zu handeln, anstatt reflexhaft zu reagieren. So kann die Achtsamkeit zu einer Verbesserung des Wohlbefindens, einer Reduktion von Stress sowie zu einer Linderung körperlicher und psychischer Symptome beitragen (Kuschel, 2015). Dabei ist zu beachten, dass Achtsamkeit weniger als Technik, sondern vielmehr als grundlegende innere Haltung und Lebensprinzip verstanden werden sollte (Heidenreich & Michalak, 2015).

Achtsamkeit ist keine blosse Technik, sondern ein Lebensstil.

Achtsamkeit als psychotherapeutische Intervention

Nicht nur durch Podcasts, Bücher, YouTube-Videos und soziale Medien erfährt Achtsamkeit grosse Aufmerksamkeit. Auch in der evidenzbasierten Psychotherapie wird sie zunehmend vermittelt und gezielt in Behandlungsprozesse integriert. Seit den 1990er-Jahren ist Achtsamkeit ein zentraler Bestandteil der sogenannten «dritten Welle» der Verhaltenstherapie (Heidenreich & Michalak, 2015). In vielzähligen Studien und Kontexten konnte die Wirksamkeit der Achtsamkeit bewiesen werden (Schmiedeler, 2024). So finden sich nun Elemente der Achtsamkeit unter anderem in der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), der Acceptance and Commitment Therapy (ACT) sowie der Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT; Heidenreich & Michalak, 2016). Das bewusste, kurze «Innehalten» soll es Patient*innen ermöglichen, eigene Wahrnehmungsverzerrungen, individuelle Interpretationsmuster sowie zugrunde liegende Bedürfnisse, Wünsche und unbewusste Abwehrmechanismen zu erkennen (Kuschel, 2015).

Michalak et al. (2022) betonen dabei jedoch, dass für viele psychische Störungen bereits gut evaluierte Standardbehandlungen existieren. Achtsamkeitsbasierte Verfahren sollen daher insbesondere dann eingesetzt werden, wenn klassische Behandlungsansätze nicht ausreichend wirksam sind oder ergänzt werden sollen. Positive Effekte wurden bislang vor allem bei depressiven Störungen, bipolaren Störungen, der Borderline-Persönlichkeitsstörung, Schlafstörungen sowie somatoformen Störungen beobachtet (Heidenreich & Michalak, 2015). Zudem ist für eine wirksame Integration von achtsamkeitsbasierten Interventionen in der Psychotherapie gemäss Schmiedeler (2012) absolut entscheidend, dass Therapeut*innen selbst über eine fundierte eigene Achtsamkeitspraxis verfügen.

Konkrete Übungen

Zu den zentralen Übungen der Achtsamkeit zählen unter anderem der sogenannte Bodyscan, Atemmeditationen sowie informelle Übungen, die im Alltag angewendet werden (Heidenreich & Michalak, 2015). Beim Bodyscan werden während etwa 40 Minuten nacheinander verschiedene Einzelteile des Körpers wahrgenommen, ohne das Gespürte zu bewerten oder verändern zu wollen. Atemmeditationen lenken die Aufmerksamkeit für fünf bis 45 Minuten bewusst auf das Ein- und Ausströmen des Atems. Gedanken, die dabei auftauchen, werden registriert, ohne ihnen weiter zu folgen, und die Aufmerksamkeit wird sanft zum Atem zurückgeführt. Eine grosse Bedeutsamkeit hat zudem die Integration der Achtsamkeit in den Alltag. So sollen Tätigkeiten des alltäglichen Lebens, beispielsweise das Trinken eines Kaffees, immer mal wieder möglichst bewusst ausgeführt werden. Der Sinn all dieser Übungen ist es, den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen, ohne einen spezifischen Zustand erzwingen wollen (Heidenreich & Michalak, 2015).

Potenzielle Risiken

Angesichts der zahlreichen beschriebenen Vorteile besteht die Gefahr, Achtsamkeit als universelles Heilmittel in der Psychotherapie zu betrachten (Michalak et al., 2022). Dabei ist klar festzuhalten, dass Achtsamkeitsübungen keinen Ersatz für medizinische oder psychotherapeutische Behandlungen darstellen (Heidenreich & Michalak, 2015). Kontraindiziert sind achtsamkeitsbasierte Übungen insbesondere bei akuter Suizidalität, akuten psychotischen Episoden sowie bei Substanzmissbrauch (Heidenreich & Michalak, 2015). Auch Patient*innen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung können körperfokussierte Achtsamkeitsübungen als überfordernd oder destabilisierend erleben (Heidenreich & Michalak, 2015). Daher sollten diese nur angepasst und unter fachlicher Begleitung eingesetzt werden.

Fazit

Achtsamkeit ist zu Recht ein viel diskutiertes Thema – sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft. Durch ein kurzzeitiges Aussteigen aus unserer schnelllebigen Welt besitzt die Achtsamkeit grosses Potenzial, alltäglichen Stress zu bewältigen und langfristig Symptome psychischer Erkrankungen zu lindern. Dennoch sollte Achtsamkeit nicht als Ersatz, sondern als ergänzende Methode innerhalb medizinischer und psychotherapeutischer Behandlungen verstanden und verantwortungsvoll eingesetzt werden.

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Referenzen