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Alltag

Feinde im Kopf

Wie wir uns die Gegenseite zurechtlegen – und was uns das kostet
Bilder: Antonio Llanque Romero

Polarisierung gilt als Kernthema unserer Zeit. Die Gegensätze sind real, doch wir überschätzen, wie unterschiedlich die Gegenseite tatsächlich denkt. Aus dieser Fehleinschätzung entsteht ein konkretes Problem. Wir erwarten Gespräche mit der Gegenseite negativer, meiden sie und halten den Irrtum damit am Leben.

D ie Forschung dazu stammt bisher überwiegend aus den USA. Dort zeigen Studien systematische Fehleinschätzungen: Befragte schätzten den Anteil von LGBT-Personen unter Demokraten auf 32 Prozent, tatsächlich waren es rund sechs Prozent. Den Anteil von Republikanern mit einem Jahreseinkommen über 250’000 Dollar überschätzten sie mit 38 Prozent gegenüber tatsächlich gut zwei Prozent (Ahler & Sood, 2018). Auch die Wahrnehmung politischer Positionen zeigte sich verzerrt: Beide Seiten gingen davon aus, rund 55 Prozent der Gegenseite würden extreme Ansichten vertreten, während es in Wirklichkeit nur etwa 30 Prozent waren (Yudkin et al., 2019). Dieses Auseinanderklaffen von Wahrnehmung und Realität hat einen Namen: falsche Polarisierung. Eingebildet ist die Spaltung deswegen nicht, denn echte Meinungsverschiedenheiten gibt es und gegenseitige Abneigung auch (Iyengar et al., 2019). Falsch ist allein unsere Vorstellung davon, wie gross die Kluft tatsächlich ist.

Überwiegend aus Amerika

Die Forschung zur falschen Polarisierung stammt bis heute überwiegend aus den Vereinigten Staaten, doch Europa holt langsam auf. Im Sommer 2026 etwa erschien eine Untersuchung aus Deutschland, deren Ergebnisse in dieselbe Richtung weisen wie die amerikanischen Befunde (Lutz & Does, 2026). Je mehr solcher Arbeiten hinzukommen, desto besser lässt sich beurteilen, was von den amerikanischen Befunden auch für andere Länder gilt.

Warum wir uns täuschen

Fernbach und Van Boven (2022) führen den Irrtum auf drei alltägliche Vorgänge zurück. Der erste ist das Denken in Kategorien. Sobald wir Menschen in Gruppen einteilen, erscheinen die Unterschiede zwischen den Gruppen grösser und die innerhalb der Gruppe kleiner, als sie wirklich sind. Denken wir beispielsweise an einen typischen Republikaner, haben wir meist nicht das Bild eines durchschnittlichen Republikaners im Kopf, sondern das Bild eines Republikaners, der sich von Demokraten am deutlichsten unterscheidet, also die auffälligsten Merkmale verkörpert. Doch gerade diese Merkmale sind eben selten. So verwechseln wir den lautesten Rand mit der breiten Mitte. Und leider sind es gerade die Stimmen vom Rand, die uns erreichen. Denn geteilt werden vor allem Beiträge von Medienhäusern und Politikern, die von der politischen Gegenseite handeln (Rathje et al., 2021), und je mehr moralisch aufgeladene Wörter ein Tweet zu einem Streitthema enthält, desto weiter verbreitet er sich (Brady et al., 2017). Was wir von der Gegenseite sehen, dürfte also bereits nach Auffälligkeit vorsortiert sein, bevor unser Kopf noch einmal genau die auffälligsten Merkmale heraushebt.

Der zweite Vorgang ist die Vereinfachung. Politische Ansichten entstehen aus Wissen, Werten, Gruppenzugehörigkeit und Signalen von Parteispitzen. Vertritt jemand auf der Gegenseite eine andere Position als wir, führen wir das dennoch fast automatisch auf sein Wissen oder seine Werte zurück. Dahinter steht der sogenannte naive Realismus: Wir erleben unsere eigene Sicht nicht als eine unter mehreren möglichen, sondern als den unmittelbaren Blick auf die Wirklichkeit. Wer anders urteilt, muss demnach schlecht informiert oder ideologisch verblendet sein (Robinson et al., 1995).

Der dritte Vorgang ist die Wut, die kategoriales Denken und Vereinfachung verstärkt. Verärgerte Demokraten und Republikaner wurden nicht nur selbst extremer, sie schätzten zugleich die Kluft zwischen den Lagern grösser ein, als sie es tatsächlich war (Huber et al., 2015).

Zusammen ergibt das ein Bild der Gegenseite, das einheitlicher und extremer erscheint als es tatsächlich ist. Wer die Gegenseite so sieht, erwartet vom Gespräch nichts Gutes. Genau hier wird aus einer Fehleinschätzung ein Verhalten.

Was der Irrtum anrichtet

Dorison et al. (2019) verglichen, wie sich Menschen die Positionen der Gegenseite vorstellen und wie sie diese dann erleben. Die Vorhersage fiel systematisch negativer aus als das Erlebnis selbst. Dahinter stand derselbe Irrtum wie zuvor, denn die Befragten unterschätzten, wie sehr sie der Gegenseite inhaltlich zustimmen.

Damit schliesst sich der Kreis. Weil wir die Kluft überschätzen, erwarten wir ein unangenehmes Gespräch. Und weil wir es erwarten, führen wir es nicht. Und weil wir es nicht führen, erfahren wir nie, dass die Kluft kleiner war, als wir angenommen hatten. Das Schweigen ist nicht die Folge der Spaltung – es ist ihre Bedingung.

Verschärft wird das durch eine zweite Fehleinschätzung, nämlich jene darüber, was die anderen über unsere Position denken. Diese Annahmen fallen noch negativer aus als unser Bild von der Gegenseite selbst, und am stärksten irren ausgerechnet die politisch Entschiedensten (Moore-Berg et al., 2020). Sie überschätzen, wie sehr die Gegenpartei sie ablehnt, und wer sich die Menschlichkeit abgesprochen glaubt, spricht sie seinerseits auch anderen ab (Kteily et al., 2016). Ein ausschliesslich amerikanisches Phänomen ist das übrigens nicht. Die grundlegende Überschätzung zeigte sich in 25 von 26 Ländern, die Schweiz eingeschlossen (Ruggeri et al., 2021).

«(…) the shadow of partisanship is much larger than it actually is.»

Moore-Berg et al., 2020, S. 14864

So schliesst sich ein zweiter Kreis und aus der eingebildeten Spaltung wird eine echte. Wer sich abgelehnt glaubt, begegnet der Gegenseite entsprechend kühl. Diese registriert das und sieht ihre Annahme bestätigt, die ihrerseits nie zutraf (Lees & Cikara, 2021). Die Fehlwahrnehmung bleibt damit nicht bloss ein Irrtum über die Wirklichkeit, sondern stellt sie sogar her.

Die Gegenseite als KI-Chatbot

Ein Gespräch mit einem Chatbot schreckt deutlich weniger ab als eines mit einem echten Gegner. Lira et al. (2026, Preprint) prüften vor Kurzem solche Gespräche als Ersatz für den gemiedenen menschlichen Kontakt. Sie liessen amerikanische Parteianhänger mit einer KI sprechen, die die Gegenseite vertrat, und fanden kurzfristig positive Wirkungen. Das Bild der Gegenseite wurde realistischer, und einige suchten danach sogar das Gespräch mit einem echten Menschen.

Brüchig ist der Kreis dort, wo die Erwartung sitzt. Ein Teil der Teilnehmenden aus der Studie von Dorison et al. (2019) erfuhr vorab, dass ein solches Gespräch weniger unangenehm ausfällt als befürchtet. Als Folge hörten sie häufiger Politikern der anderen Partei zu. Die Vermeidung, ihnen zuzuhören, ging um 24 bis 34 Prozent zurück.

Auch die zweite Fehleinschätzung, jene darüber, was die anderen über die eigene Gruppe denken, lässt sich korrigieren. Denn sie hängt nicht von unseren persönlichen Eigenschaften ab, sondern davon, ob der Konflikt kompetitiv oder kooperativ verläuft. Erscheint ein Streit als Wettbewerb, überschätzen beide Lager, wie ablehnend die Gegenseite auf ihr jeweiliges Handeln reagiert. Handelt eine Seite zugunsten der anderen, sagen beide Lager korrekt voraus, wie wohlwollend die Gegenseite reagiert. Und wer erfährt, wie die Gegenseite wirklich über die eigene Position denkt, schreibt ihr danach weniger negative Absichten zu; am deutlichsten dort, wo die eigene Fehleinschätzung zuvor am grössten war (Lees & Cikara, 2019). Dass gerade solche Korrekturen greifen, könnte daran liegen, wie wichtig uns der eigene Ruf ist. Wer wissen will, wie er auf andere wirkt, muss wissen, wie andere ihn sehen. Darum, so vermuten Lees und Cikara (2021), wollen wir diese Wahrheit wissen, auch wenn sie von der Gegenseite kommt. Wo es nicht um den eigenen Ruf geht, fehlt dieser Anreiz. Wer sich gut mit Zahlen auskennt, findet zu jeder Statistik, etwa zum Waffenrecht, die passende Deutung und polarisiert sich dadurch eher stärker (Kahan et al., 2017). Korrigierbar ist also weniger der Streit um die Sache als das Bild, das wir voneinander haben.

Es bleibt die Begegnung selbst, um die sich der ganze Kreis dreht. Als Bail et al. (2018) Twitter-Nutzer*innen einen Monat lang Gegenmeinungen einspielten, rückte im Schnitt kaum jemand zur Mitte, manche sogar weiter an den Rand. Nicht die Menge der Gegenmeinung entscheidet also, sondern wie sie vermittelt wird.

In Feldexperimenten von Kalla und Broockman (2020) versuchten Freiwillige über Gespräche an der Haustür, Vorurteile gegenüber Immigranten*innen ohne Papiere abzubauen. Sie fragten nach der Meinung des Gegenübers und erzählten ohne belehrenden Ton die Geschichte eines Immigranten aus ihrem eigenen Umfeld. Wirksam waren nicht die Argumente, sondern die Erzählung. Ohne sie zeigten die Gespräche keinen signifikanten Effekt. Wer zugehört hatte, war noch Monate später weniger ablehnend.

Fazit

Wir überschätzen, wie extrem die anderen denken und wie sehr sie uns ablehnen. Wir erwarten ein Gespräch, das schlimmer ausfällt, als es tatsächlich ist. Und weil wir es deshalb nicht führen, bleibt jede dieser Annahmen unangefochten. Das ist keine bequeme Nachricht, aber eine hoffnungsvolle. Ein Irrtum lässt sich beheben, eine echte Feindschaft nur schwer.

Eine Demokratie lebt vom Diskurs; es geht nur darum, ihn tatsächlich zu führen, anstatt ihn sich bloss vorzustellen. Der erste Schritt ist nicht, die anderen zu überzeugen – er besteht darin, sie überhaupt anzuhören.

Zum Weiterlesen

  • Bail, C. (2021). Breaking the Social Media Prism: How to Make Our Platforms Less Polarizing. Princeton University Press. https://doi.org/10.2307/j.ctv18zhdhg
  • Lira, B., Castelo, N., Puntoni, S., & Toubia, O. (2026). Synthetic Contact with AI Reduces Cross-Partisan Animosity (Version 1). arXiv. https://doi.org/10.48550/ARXIV.2607.02181
  • Mau, S., Lux, T., & Westheuser, L. (2024). Triggerpunkte: Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft (8. Auflage). Suhrkamp.
  • Yudkin, D. A., Hawkins, S., & Dixon, T. (2019). The Perception Gap: How False Impressions are Pulling Americans Apart. PsyArXiv. https://doi.org/10.31234/osf.io/r3h5q

Referenzen

  • Ahler, D. J., & Sood, G. (2018). The Parties in Our Heads: Misperceptions about Party Composition and Their Consequences. The Journal of Politics, 80(3), 964–981. https://doi.org/10.1086/697253 
  • Bail, C. A., Argyle, L. P., Brown, T. W., Bumpus, J. P., Chen, H., Hunzaker, M. B. F., Lee, J., Mann, M., Merhout, F., & Volfovsky, A. (2018). Exposure to opposing views on social media can increase political polarization. Proceedings of the National Academy of Sciences, 115(37), 9216–9221. https://doi.org/10.1073/pnas.1804840115 
  • Brady, W. J., Wills, J. A., Jost, J. T., Tucker, J. A., & Van Bavel, J. J. (2017). Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114(28), 7313–7318. https://doi.org/10.1073/pnas.1618923114 
  • Dorison, C. A., Minson, J. A., & Rogers, T. (2019). Selective exposure partly relies on faulty affective forecasts. Cognition, 188, 98–107. https://doi.org/10.1016/j.cognition.2019.02.010 
  • Fernbach, P. M., & Van Boven, L. (2022). False polarization: Cognitive mechanisms and potential solutions. Current Opinion in Psychology, 43, 1–6. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2021.06.005 
  • Huber, M., Boven, L. V., Park, B., & Pizzi, W. T. (2015). Seeing Red: Anger Increases How Much Republican Identification Predicts Partisan Attitudes and Perceived Polarization. PLOS ONE, 10(9), e0139193. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0139193 
  • Iyengar, S., Lelkes, Y., Levendusky, M., Malhotra, N., & Westwood, S. J. (2019). The Origins and Consequences of Affective Polarization in the United States. Annual Review of Political Science, 22, 129–146. https://doi.org/10.1146/annurev-polisci-051117-073034 
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  • Lees, J., & Cikara, M. (2021). Understanding and combating misperceived polarization. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences, 376(1822), 20200143. https://doi.org/10.1098/rstb.2020.0143 
  • Lutz, P., & Does, S. (2026). Seeing Divides: Citizens’ Biased Perceptions of Political Cleavages. Political Behavior. https://doi.org/10.1007/s11109-026-10181-4 
  • Moore-Berg, S. L., Ankori-Karlinsky, L.-O., Hameiri, B., & Bruneau, E. (2020). Exaggerated meta-perceptions predict intergroup hostility between American political partisans. Proceedings of the National Academy of Sciences, 117(26), 14864–14872. https://doi.org/10.1073/pnas.2001263117 
  • Rathje, S., Van Bavel, J. J., & Van Der Linden, S. (2021). Out-group animosity drives engagement on social media. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(26), e2024292118. https://doi.org/10.1073/pnas.2024292118 
  • Robinson, R. J., Keltner, D., Ward, A., & Ross, L. (1995). Actual versus assumed differences in construal: «Naive realism» in intergroup perception and conflict. Journal of Personality and Social Psychology, 68(3), 404–417. https://doi.org/10.1037/0022-3514.68.3.404
  • Ruggeri, K., Većkalov, B., Bojanić, L., Andersen, T. L., Ashcroft-Jones, S., Ayacaxli, N., Barea-Arroyo, P., Berge, M. L., Bjørndal, L. D., Bursalıoğlu, A., Bühler, V., Čadek, M., Çetinçelik, M., Clay, G., Cortijos-Bernabeu, A., Damnjanović, K., Dugue, T. M., Esberg, M., Esteban-Serna, C., … Folke, T. (2021). The general fault in our fault lines. Nature Human Behaviour, 5(10), 1369–1380. https://doi.org/10.1038/s41562-021-01092-x
  • Yudkin, D. A., Hawkins, S., & Dixon, T. (2019). The Perception Gap: How False Impressions are Pulling Americans Apart. PsyArXiv. https://doi.org/10.31234/osf.io/r3h5q