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Das letzte Tabu

Warum wir das Sterben verdrängen: über die stille Angst vor Kontrollverlust, Vergänglichkeit und dem Ende
Bilder: Antonio Llanque Romero

Wann haben Sie zuletzt über Ihre eigene Endlichkeit gesprochen? Sterben betrifft uns alle – und doch meiden viele das Gespräch darüber. Der Artikel zeigt, warum uns die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod schwerfällt und wie ein offenerer Umgang mit dem Lebensende gelingen kann.

V iele Eltern und Bezugspersonen versuchen Kinder vor belastenden Erfahrungen zu schützen und vermeiden deshalb Gespräche über Verlust, Trauer und Endlichkeit. Entwicklungspsychologische Forschung zeigt jedoch, dass ehrliche und altersgerechte Gespräche Kindern helfen können, den Tod besser zu verstehen und mit Trauer umzugehen (Schonfeld & Demaria, 2016).

Wie wir mit belastenden Themen umgehen, kann also bereits früh geprägt werden. Wenn es Erwachsene aus Unsicherheit vermeiden, über den Tod und die Endlichkeit des Lebens zu sprechen, kann dies Kindern unbewusst vermitteln, dass dieses Thema schwierig und belastend sei und besser gemieden werden sollte. Solche frühen Erfahrungen können prägen, wie Menschen später mit Verlust, Sterben und der eigenen Endlichkeit umgehen.

Warum wir über etwas schweigen, das uns alle betrifft

Obwohl Sterben eine der wenigen Erfahrungen ist, die alle Menschen teilen, sprechen viele nur ungern darüber. Der Grund liegt nicht darin, dass das Thema unwichtig wäre, sondern gerade darin, dass es uns persönlich betrifft. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit kann Angst und tiefe existenzielle Unsicherheit auslösen.

Die Terror-Management-Theorie beschreibt, wie Menschen auf verschiedene psychologische Schutzmechanismen zurückgreifen, die helfen können, mit der eigenen Sterblichkeit umzugehen, ohne sich unmittelbar mit ihr auseinandersetzen zu müssen. Manche Menschen finden Halt in der Religion oder anderen kulturellen Vorstellungen, die ihrem Leben Sinn und Beständigkeit geben. Andere richten ihre Aufmerksamkeit stärker auf das Alltagsleben. Wieder andere versuchen, etwas zu hinterlassen, etwa durch Kinder, Beziehungen oder ein Lebenswerk, das über die eigene biologische Existenz hinaus Bestand hat. Solche Strategien können Sicherheit, Selbstwert und das Gefühl vermitteln, Teil von etwas Dauerhaftem zu sein und die eigene Sterblichkeit so zeitweise in den Hintergrund rücken lassen (Greenberg et al., 1986; Hayes et al., 2010). Neben individuellen Ängsten prägen auch gesellschaftliche Entwicklungen unseren Umgang mit dem Tod. In vielen westlichen Gesellschaften wurde das Sterben zunehmend aus dem familiären Umfeld in medizinische Einrichtungen verlagert. Dadurch erleben viele Menschen das Lebensende weniger unmittelbar als frühere Generationen. Diese Distanz kann dazu beitragen, dass Wissen, Vertrautheit und Sicherheit im Umgang mit Sterben und Trauer abnehmen und offene Gespräche erschwert werden (Sallnow et al., 2022).

Auch kulturelle Vorstellungen prägen den gesellschaftlichen Umgang mit Sterben und Tod. Während beides in vielen westlichen Gesellschaften stärker individualisiert und ins Private verlagert ist, bleibt es in anderen kulturellen Kontexten stärker in gemeinschaftliche Rituale und Traditionen eingebunden. Der mexikanische Día de los Muertos beispielsweise verbindet die Erinnerung an Verstorbene mit öffentlichen Feiern und familiären Ritualen. Auch in Japan prägen Ahnenverehrung und Gedenkzeremonien den Umgang mit Verstorbenen. Solche Beispiele zeigen, dass der Umgang mit dem Lebensende nicht universell ist, sondern durch kulturelle Werte, Rituale und gesellschaftliche Normen geprägt wird (Sallnow et al., 2022).

Ein weiterer Grund, weshalb Gespräche über den Tod vermieden werden, ist ein Gefühl, das vermutlich viele kennen: die Angst, in schwierigen Momenten nicht die richtigen Worte zu finden. Häufig fehlt nicht der Wille zum Gespräch, sondern die Sicherheit im Umgang mit den eigenen Emotionen und denen anderer. Dabei können offene Gespräche helfen, Ängste zu verringern und Wünsche für die letzte Lebensphase frühzeitig anzusprechen (Krebsliga Schweiz, 2023; Sallnow et al., 2022).

Das Schweigen über ein Thema, das uns alle so fundamental berührt, ist deshalb nicht Ausdruck von Gleichgültigkeit. Es entsteht vielmehr aus dem Zusammenspiel psychologischer Schutzmechanismen, gesellschaftlicher Entwicklungen und kultureller Normen.

Wenn Schweigen Entscheidungen erschwert

Viele Menschen haben klare Vorstellungen davon, wie sie am Lebensende behandelt werden möchten, sprechen darüber aber häufig erst spät oder gar nicht. Dabei können Gespräche über persönliche Werte und Wünsche nicht nur die betroffene Person, sondern auch Angehörige entlasten. Eine Studie von Detering et al. (2010) zeigt, dass frühzeitige Gespräche über die Versorgung am Lebensende die Entscheidungsfindung verbessern und Angehörige in schwierigen Situationen entlasten können.

Über das Lebensende zu sprechen, bedeutet deshalb nicht, Hoffnung aufzugeben, sondern Verantwortung für eine Situation zu übernehmen, die früher oder später jeden Menschen betrifft.

Sterbehilfe: Warum die Debatte so emotional ist

Während über Tod und Sterben im Alltag häufig wenig gesprochen wird, führen Fragen nach Selbstbestimmung am Lebensende regelmässig zu intensiven öffentlichen Diskussionen. Die gesellschaftliche Debatte um die Suizidhilfe berührt unterschiedliche Vorstellungen davon, was ein würdevolles Sterben bedeutet und welche Grenzen persönliche Autonomie haben sollte. Befürworter betonen das Recht auf Selbstbestimmung und die Möglichkeit, bei schwerem oder als unerträglich empfundenem Leiden über das eigene Lebensende entscheiden zu können. Kritische Stimmen verweisen dagegen auf die Notwendigkeit, besonders verletzliche Menschen vor Druck, Abhängigkeit oder dem Gefühl, anderen zur Last zu fallen, zu schützen. Die Debatte bewegt sich damit zwischen dem Wunsch nach grösstmöglicher Autonomie und der gesellschaftlichen Verantwortung für Schutz und Fürsorge (Emanuel et al., 2016).

Hinzu kommt, dass das Leiden am Lebensende weit mehr umfassen kann als körperliche Beschwerden. Der Verlust von Selbstständigkeit, Identität oder Würde kann für manche Betroffene eine erhebliche Belastung darstellen (Chochinov et al., 2002). Gerade diese unterschiedlichen Dimensionen von Leiden zeigen, dass Fragen am Lebensende nicht allein medizinisch betrachtet werden können.

Wie Gesellschaften mit assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe umgehen, unterscheidet sich deutlich. Beim assistierten Suizid führt die betroffene Person die zum Tod führende Handlung selbst aus; bei der aktiven Sterbehilfe wird sie von einer anderen Person vorgenommen. In der Schweiz ist der assistierte Suizid unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. So muss die Person mit Sterbewunsch in Bezug auf ihren eigenen Sterbewunsch urteilsfähig sein und die zum Tod führende Handlung selbst ausführen. Zudem darf die assistierende Person nicht aus eigennützigen Motiven handeln (Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften [SAMW] & Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte [FMH], 2026). Insbesondere die Urteilsfähigkeit muss unter bestimmten Bedingungen genau abgeklärt werden. Bei einer Demenzerkrankung beispielsweise muss die Urteilsfähigkeit fachärztlich beurteilt und schriftlich bestätigt werden; auch am Tag der Freitodbegleitung muss sie noch vorhanden sein (EXIT, 2025). Ähnliche Modelle des ärztlich assistierten Suizids gibt es auch in einigen US-Bundesstaaten. In den Niederlanden, Belgien und Kanada existieren gesetzliche Regelungen, die unter bestimmten Bedingungen auch eine aktive Sterbehilfe durch medizinische Fachpersonen erlauben (Emanuel et al., 2016).

Sarco: Wenn der Tod auf Knopfdruck möglich wird

2024 sorgte die Suizidkapsel «Sarco» in der Schweiz und international für Aufmerksamkeit. Sie ist so konzipiert, dass eine urteilsfähige Person per Knopfdruck Stickstoff freisetzen und dadurch den eigenen Tod herbeiführen kann. Nach dem ersten Einsatz im September 2024 führten die Umstände des Einsatzes zu mehreren Strafverfahren und lösten auch gesellschaftliche Debatten aus. Befürworter sehen darin eine Möglichkeit selbstbestimmten Sterbens, Kritiker warnen vor fehlender menschlicher Begleitung, ethischen Grenzen und dem Schutz vulnerabler Menschen. Der Fall zeigt, wie umstritten die Frage bleibt, wo individuelle Selbstbestimmung endet, und gesellschaftliche Verantwortung beginnt (SRG SSR, 2024).

Ein aktuelles Beispiel dafür, wie diese Fragen konkret werden, zeigt sich im Kanton Zürich: Am 27. September 2026 stimmen die Zürcher Stimmberechtigten darüber ab, ob assistierter Suizid künftig auch in privaten Alters- und Pflegeheimen sowie in Spitälern zugelassen werden soll. In Alters- und Pflegeheimen, die von einer Gemeinde betrieben oder von ihr beauftragt sind, ist dies seit 2023 bereits möglich (Kantonsrat Zürich, 2026). Damit geht es um eine konkrete Frage: Sollen Menschen, die in einer solchen Einrichtung leben oder behandelt werden, für eine selbstbestimmte Entscheidung am Lebensende die Einrichtung verlassen müssen?

Auch die öffentliche Haltung gegenüber assistiertem Suizid und aktiver Sterbehilfe fällt je nach Land unterschiedlich aus. In den USA lag die Zustimmung in Umfragen seit den 1990er-Jahren zwischen 47 und 69 Prozent. In vielen westeuropäischen Ländern ist die Zustimmung höher, während sie in Mittel- und Osteuropa teilweise geringer ist oder sogar abnimmt (Emanuel et al., 2016). Wie häufig assistierter Suizid und aktive Sterbehilfe vorkommen, unterscheidet sich deutlich zwischen den Ländern. In Ländern mit entsprechenden gesetzlichen Regelungen machten assistierter Suizid und aktive Sterbehilfe im untersuchten Zeitraum zwischen 0,3 und 4,6 Prozent aller Todesfälle aus – mit steigender Tendenz nach der Legalisierung. Menschen, die diese Möglichkeit wählen, sind häufig älter und leiden oft an schweren Erkrankungen, darunter insbesondere Krebserkrankungen. Studien zeigen zudem, dass sie häufig einen höheren Bildungsstand aufweisen (Emanuel et al., 2016).

Diese Unterschiede zeigen, dass Fragen am Lebensende nicht nur rechtlich, sondern auch kulturell geprägt sind und davon abhängen, welchen Stellenwert eine Gesellschaft Autonomie, Fürsorge und dem Schutz des Lebens einräumt (Emanuel et al., 2016).

Gerade weil Gespräche rund um das Thema Sterben im Alltag häufig vermieden werden, werden Fragen nach Selbstbestimmung und Leid oft erst in Krisensituationen diskutiert. Fragen wie: Wann ist Leiden unerträglich? Was bedeutet Würde oder wer entscheidet über das Lebensende? berühren persönliche Überzeugungen ebenso wie gesellschaftliche Werte. Die Debatte über Sterbehilfe ist deshalb nicht nur eine rechtliche oder medizinische Diskussion. Sie zeigt, wie schwierig es einer Gesellschaft fällt, über den Tod zu sprechen, und wie notwendig genau diese Gespräche sind.

Palliative Care: Wenn Sterben wieder Teil des Lebens wird

Während Sterbehilfe und assistierter Suizid häufig öffentlich und kontrovers diskutiert werden, steht ein anderer Umgang mit dem Lebensende weniger im Zentrum der öffentlichen Debatte: die Palliative Care.

In der palliativen Versorgung werden Menschen mit unheilbaren oder fortschreitenden Erkrankungen begleitet, mit dem Ziel, ihre Lebensqualität möglichst lange zu erhalten. Im Mittelpunkt stehen nicht nur körperliche Beschwerden wie Schmerzen, sondern auch psychische, soziale und spirituelle Bedürfnisse sowie die Unterstützung von Angehörigen. Weltweit benötigen schätzungsweise 56,8 Millionen Menschen jährlich palliative Versorgung – doch nur ein kleiner Teil erhält sie. In vielen Ländern erschweren zudem restriktive Regelungen den Zugang zu wichtigen Schmerzmedikamenten wie Morphin und können dadurch eine angemessene Behandlung begrenzen (World Health Organization, 2020).

Ein wichtiger Bestandteil der Palliative Care ist die frühzeitige Kommunikation: Gespräche über Wünsche, Ängste und Vorstellungen für die letzte Lebensphase sollten nicht erst in einer akuten Krise stattfinden. Damit trägt die Palliative Care dazu bei, Fragen rund um das Sterben wieder stärker als Teil des Lebens sichtbar zu machen und Unsicherheiten im Umgang mit dem Lebensende zu verringern (Sallnow et al., 2022).

Death Cafés: Gespräche über schwierige Themen

Death Cafés wurden 2011 vom Briten Jon Underwood ins Leben gerufen und gehen auf die Idee der cafés mortels des Schweizer Soziologen Bernard Crettaz zurück. Hier können Menschen in offener, respektvoller Atmosphäre zusammenkommen, um über Tod, Sterben und persönliche Erfahrungen zu sprechen – ohne feste Agenda oder Therapie- und Beratungsangebote. Death Cafés sind kein Ersatz für psychologische oder medizinische Unterstützung, sondern schaffen Raum für Austausch und die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit (Miles & Corr, 2017).

Neue Wege im Umgang mit dem «letzten Tabu»

Neben den Ängsten und Unsicherheiten, die das Thema Tod auslösen kann, gibt es Initiativen, die Sterben und Endlichkeit wieder stärker als Teil menschlicher Erfahrung sichtbar machen. Ein Beispiel dafür sind sogenannte Death Cafés, in denen Menschen in ungezwungener Atmosphäre über Sterben, Tod und persönliche Erfahrungen sprechen können (Miles & Corr, 2017).

Auch Ansätze wie Advance Care Planning und Compassionate Communities verfolgen ein ähnliches Ziel. Beim Advance Care Planning halten Menschen frühzeitig fest, welche medizinische Behandlung und Betreuung sie sich am Lebensende wünschen. Compassionate Communities setzen dagegen stärker auf das soziale Umfeld: Sie fördern eine Kultur, in der Menschen über Sterben, Tod, Trauer und gegenseitige Unterstützung sprechen können. Auch die Lancet Commission on the Value of Death, eine internationale Kommission von Fachleuten, plädiert dafür, Sterben und Trauer wieder stärker «zurück ins Leben» zu holen. Nicht um den Tod zu verharmlosen oder weniger schwer erscheinen zu lassen, sondern um einen offeneren Umgang mit Endlichkeit zu ermöglichen.

Den Tod ins Leben integrieren

Das Vermeiden von Gesprächen über die eigene Endlichkeit entsteht nicht aus Gleichgültigkeit, sondern häufig aus Angst, Unsicherheit und gesellschaftlichen Gewohnheiten. Doch nicht darüber zu sprechen, macht das Sterben nicht unbedingt leichter: Es kann Entscheidungen erschweren, Angehörige belasten und dazu führen, dass Betroffene ihre Wünsche für die letzte Lebensphase nicht rechtzeitig äussern.

Über das Sterben zu sprechen, bedeutet deshalb nicht, dem Tod mehr Raum zu geben – sondern dem Leben und den eigenen Vorstellungen bis zuletzt Bedeutung zu geben.

Solche Gespräche müssen nicht schwer beginnen. Die Pflegefachfrau Margret Füchsle bringt es auf den Punkt: «Sterbende Menschen sind mehr als sterbend. Kein Mensch will in seiner letzten Lebensphase nur auf dieser Ebene wahrgenommen werden» (zitiert nach DIGNITAS, 2017). Die Aussage verdeutlicht, worum es bei solchen Gesprächen geht: nicht nur um Krankheit oder medizinische Entscheidungen, sondern um den Menschen selbst: um seine Werte, Hoffnungen, Sorgen und das, was seinem Leben Bedeutung gibt. Doch wichtig ist weniger, die perfekten Worte zu finden, als überhaupt ins Gespräch zu kommen.

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Referenzen