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Syndrom

Wenn Trauer unsichtbar bleibt

Über den gesellschaftlichen Umgang mit nicht anerkanntem Verlust
Bilder: Antonio Llanque Romero

Nicht jede Trauer wird gesellschaftlich gleich anerkannt. Fehlgeburten, Kontaktabbrüche, Tierverlust – manche Verluste bleiben unsichtbar. Der Begriff «disenfranchised grief» beschreibt diese sozial entwertete Trauer und erklärt, warum das Schweigen des Umfelds so viel wiegt.

D rei Tage nach ihrer Fehlgeburt sitzt eine Frau wieder im Büro. Die Schwangerschaft war noch nicht weit fortgeschritten, ein Arztzeugnis erhält sie nicht. Die meisten Kolleginnen und Kollegen wissen nichts von ihrem Verlust. Oder ein Mann verliert seinen Hund, der ihn während zwölf Jahren täglich begleitet hat. Als er davon erzählt, hört er: «Es war ja nur ein Tier». Manche Trauer erhält keine Kondolenz, keinen Blumenstrauss, keine Trauerzeit. Sie existiert in Stille.

«Das Problem nicht anerkannter Trauer liegt in einem Paradoxon: Gerade weil diese Trauer nicht anerkannt wird, entstehen zusätzliche Belastungen für die Betroffenen, während gleichzeitig wichtige Quellen sozialer Unterstützung wegfallen oder geschwächt werden.»

Doka, 2009, S. 6 [Übers. d. Verf.]

Während der Tod eines nahen Angehörigen meist Mitgefühl und Unterstützung auslöst, erfahren andere Verluste deutlich weniger gesellschaftliche Resonanz. Sie werden heruntergespielt, tabuisiert oder gar nicht erst als Grund zum Trauern anerkannt. Für Betroffene entsteht dadurch eine zusätzliche Belastung. Sie müssen nicht nur mit dem Verlust selbst umgehen, sondern erleben gleichzeitig, dass ihre Trauer kaum wahrgenommen wird (Doka, 1989; Stroebe et al., 2007).

In der Trauerforschung etablierte sich in den 1980-er Jahren der Begriff disenfranchised grief (dt. nicht anerkannte Trauer). Er beschreibt Trauer nach Verlusten, die gesellschaftlich weder anerkannt noch öffentlich betrauert oder ausreichend unterstützt werden (Doka, 1989). Entscheidend ist dabei weniger die Art des Verlustes als die Reaktion des Umfelds. Bleibt die Anerkennung aus, fehlen Betroffenen häufig auch jene Ressourcen, die den Trauerprozess erleichtern – etwa Verständnis, Gespräche oder gemeinsame Rituale (Doka, 2002).

Fünf Formen der nicht anerkannten Trauer (Doka, 2002):

  1. Nicht anerkannte Beziehungen (z. B. nicht-eheliche oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften)
  2. Nicht anerkannte Verluste – Verluste, die gesellschaftlich nicht als bedeutsam gelten (z. B. bei Fehlgeburten, Abtreibungen oder der Verlust von Haustieren)
  3. Ausgeschlossene Trauernde – Personen, denen die Fähigkeit zu trauern grundsätzlich abgesprochen wird (z. B. Kinder oder Menschen mit Demenz)
  4. Umstände des Todes – stigmatisierte Todesarten (z. B. Suizid oder Suchterkrankungen)
  5. Individuelle Ausdrucksformen der Trauer – wenn die Art zu trauern von gesellschaftlichen Normen abweicht (z. B. nicht zu weinen, Substanzkonsum)

Unsichtbare Verluste

Welche Verluste als «legitim» gelten, ist kulturell geprägt. Gesellschaftliche Normen bestimmen mit, ob Trauer Mitgefühl erfährt und welche Verluste kaum Beachtung finden (Walter, 1999). Bestimmte Verluste werden gesellschaftlich stärker anerkannt und von Ritualen und Unterstützung begleitet als andere. Robson & Walter (2013) beschreiben dies als eine gesellschaftliche Hierarchie von Verlusten.

Fehlgeburten gehören zu den häufigsten und zugleich am stärksten entwerteten Formen nicht anerkannter Trauer. Fehlt nach einer Fehlgeburt die soziale Anerkennung, erleben Betroffene dies häufig als Ausgrenzung und diese wahrgenommene Ausgrenzung hängt eng mit stärkeren posttraumatischen Stresssymptomen zusammen (Wesselmann & Parris, 2022). Ähnliches gilt für den Verlust eines Haustieres. Obwohl Tiere für viele Menschen enge Begleiter sind, wird ihre Trauer häufig relativiert. Diese mangelnde soziale Anerkennung kann den Trauerprozess zusätzlich erschweren (Spain et al., 2019).

Fehlende Anerkennung bedeutet nicht nur, dass Unterstützung ausbleibt. Sie verändert auch den Blick auf die eigene Trauer. Betroffene fragen sich: «Darf ich überhaupt so traurig sein?». Dieser Prozess wird als self-disenfranchisement (dt. Selbstaberkennung der Trauer) bezeichnet: Menschen übernehmen die gesellschaftliche Bewertung ihres Verlustes und sprechen sich selbst das Recht zu trauern ab. Eine zentrale Rolle spielt dabei Scham. Wer den Eindruck hat, die eigenen Gefühle seien unangemessen oder übertrieben, spricht oft seltener über den Verlust und zieht sich zurück. So entsteht ein Kreislauf, in dem fehlende Anerkennung und soziale Isolation sich gegenseitig verstärken (Kauffman, 2002).

Aktuelle Forschung bestätigt diese Dynamik. Cesur-Soysal und Ari (2024) zeigen, dass Betroffene ihre eigene Trauer häufig stärker entwerten, als dies von ihrem Umfeld tatsächlich geschieht. Diese Selbstabwertung geht mit mehr Scham und einer erschwerten Trauerverarbeitung einher. Trauer entsteht damit nicht allein durch den Verlust selbst, sondern auch durch die Bedeutung, die ihm die betroffene Person und ihr soziales Umfeld zuschreiben.

Mehrdeutige Verluste

Eng verwandt mit disenfranchised grief ist das Konzept des ambiguous loss (dt. mehrdeutiger Verlust). Es beschreibt Situationen, in denen ein Verlust keinen eindeutigen Abschluss findet – etwa, wenn Angehörige vermisst werden oder bei einer fortgeschrittenen Demenz körperlich anwesend, psychisch jedoch kaum noch erreichbar sind (Boss, 1999).

Während disenfranchised grief die fehlende gesellschaftliche Anerkennung eines Verlustes in den Mittelpunkt stellt, beschreibt ambiguous loss die fehlende Klarheit des Verlustes selbst. Beide Konzepte machen deutlich, dass Trauer nicht immer einem Todesfall folgt. Sie kann auch durch schleichende Veränderungen, Abschiede oder Beziehungen entstehen, für die es keine gesellschaftlich etablierten Formen des Umgangs gibt (Boss, 1999; Doka, 1989).

Was helfen kann

Gerade bei disenfranchised grief sind Anerkennung und soziale Unterstützung besonders wichtig. Der erste Schritt ist oft, den Verlust überhaupt als solchen anzuerkennen. Entscheidend ist nicht, ob ein Verlust von aussen als «gross genug» erscheint, sondern welche Bedeutung er für die betroffene Person hat (Cordaro, 2012; Doka, 2002). Fachpersonen können dazu beitragen, indem sie auch weniger sichtbare oder gesellschaftlich wenig anerkannte Verluste aktiv ansprechen und die damit verbundenen Gefühle validieren. Narrative Ansätze können Betroffenen dabei unterstützen, ihre Verlustgeschichte zu erzählen und den Verlust in die eigene Lebensgeschichte einzuordnen, anstatt ihn möglichst rasch «abzuschliessen» (Neimeyer, 2002).

Auch persönliche Rituale können bei disenfranchised grief eine wichtige Funktion übernehmen. Ein Brief, ein Erinnerungsort oder ein jährlicher Gedenktag schaffen einen symbolischen Rahmen für Verluste, denen gesellschaftliche Rituale häufig fehlen (Doka, 2002). Ebenso bedeutsam ist das soziale Umfeld: Wer zuhört, nachfragt und Gefühle ernst nimmt, kann dazu beitragen, dass die eigene Trauer als legitim erlebt wird und nicht in Scham und Schweigen mündet (Kauffman, 2002).

Trauer braucht Raum

Trauer ist kein Privileg, das nur bestimmten Verlusten zusteht. Wer um eine Fehlgeburt trauert, um einen Hund, um eine zerbrochene Freundschaft oder ein nie gelebtes Leben, trauert nicht weniger – er tut es nur in einer Gesellschaft, die dafür noch keine gemeinsame Sprache gefunden hat. Disenfranchised grief erinnert uns daran, dass Mitgefühl keine Bedingungen kennen sollte. Und dass manchmal das Wichtigste, das wir tun können, ist: einfach zu fragen.

Zum Weiterlesen

  • Haller, S., & Reinalter, M. (2023). Trauernde begleiten: Trauer verstehen und Trauernde empathisch unterstützen. Mit einem Geleitwort des Bundesverbands für Trauerbegleitung (1. Aufl.). TRIAS.

Referenzen

  • Boss, P. (1999). Ambiguous loss: Learning to live with unresolved grief. Harvard University Press. 
  • Cesur-Soysal, G., & Ari, E. (2024). How We Disenfranchise Grief for Self and Other: An Empirical Study. OMEGA – Journal of Death and Dying, 89(2), 530–549. https://doi.org/10.1177/00302228221075203 
  • Cordaro, M. (2012). Pet loss and disenfranchised grief: Implications for mental health counseling practice. Journal of Mental Health Counseling, 34, 283–294. https://doi.org/10.17744/mehc.34.4.41q0248450t98072
  • Doka, K. J. (Ed.). (1989). Disenfranchised grief: Recognizing hidden sorrow. Lexington Books/D.C. Heath. 
  • Doka, K. J. (Ed.). (2002). Disenfranchised grief: New directions, challenges, and strategies for practice. Research Press. 
  • Doka, K. J. (2009). Disenfranchised grief.  (Übersetzung) In The SAGE encyclopedia of human experience. SAGE Publications. https://doi.org/10.4135/9781412972031  
  • Kauffman, J. (2002). The psychology of disenfranchised grief: Shame, liberation and self-disenfranchisement. In K. J.Doka (Ed.), Disenfranchised grief: New directions, challenges, and strategies for practice (pp. 61–78). Champaign, IL: Research Press.  
  • Neimeyer, R., & Jordan, J. (2002). Disenfranchisement and empathic failure: Grief therapy and the co-con struction of meaning. In K. J.Doka (Ed.), Disenfranchised grief: New directions, challenges, and strategies for practice (pp. 95–118). Champaign, IL: Research Press. 
  • Robson, P., & Walter, T. (2013). Hierarchies of Loss: A Critique of Disenfranchised Grief. OMEGA - Journal of Death and Dying, 66(2), 97–119. https://doi.org/10.2190/OM.66.2.a 
  • Spain, B., O’Dwyer, L., & Moston, S. (2019). Pet Loss: Understanding Disenfranchised Grief, Memorial Use, and Posttraumatic Growth. Anthrozoös, 32(4), 555–568. https://doi.org/10.1080/08927936.2019.1621545 
  • Stroebe, M., Schut, H., & Stroebe, W. (2007). Health outcomes of bereavement. The Lancet, 370(9603), 1960–1973. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(07)61816-9 
  • Walter, T. (1999). On bereavement: The culture of grief. Open University press. 
  • Wesselmann, E. D., & Parris, L. (2022). Miscarriage, Perceived Ostracism, and Trauma: A Preliminary Investigation. Frontiers in Psychology, 12, 747860. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.747860