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Syndrom

Aphasie: Wenn Worte fehlen

Wie eine Störung der Sprachverarbeitung weit über das gesprochene Wort hinaus das Leben verändert
Bilder: Antonio Llanque Romero

Sprache ist für die meisten Menschen etwas Selbstverständliches. Wir nutzen sie, um zu denken, zu fühlen, Beziehungen aufzubauen und uns in der Welt zurechtzufinden. Doch was passiert, wenn Worte nicht mehr abrufbar sind, Sätze zerfallen oder Gesagtes nicht mehr verstanden wird?

A ls die Familie des Schauspielers Bruce Willis im Jahr 2022 öffentlich machte, dass er sich wegen seiner Aphasie aus der Schauspielerei zurückzieht, wurde schlagartig eine neurologische Erkrankung sichtbar, die vielen bis dahin kaum bekannt war (Sennhauser, 2022). Willis, bekannt nicht nur für seine Filme, sondern auch für pointierte Dialoge und sprachliche Präsenz, verlor ausgerechnet die Fähigkeit, die sein Beruf voraussetze. Dieses Ereignis lenkte den Blick auf eine Störung, die für Betroffene tiefgreifende Auswirkungen auf Alltag, Identität und soziale Teilhabe hat: die Aphasie. Der Begriff Aphasie stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie «Sprachlosigkeit» oder «ohne Sprechen».

«Aphasien sind Beeinträchtigungen der zentralen Sprachverarbeitung und durch temporäre, bleibende oder fortschreitende Schädigungen der perisylvischen Region in der sprachdominanten, meist linken Hirnhälfte bedingt»

Hartje & Poeck, 2002, S. 100

Unabhängig von Form und Schweregrad haben Menschen mit Aphasie Schwierigkeiten in allen sprachbezogenen Bereichen. Betroffen sind zentrale Sprachmodalitäten wie Sprachproduktion, Sprachverständnis, Lesen und Schreiben, wobei Ausmass und Kombination der Beeinträchtigungen variieren (Stockers & Sauer 2017; Hartje & Poeck, 2002).

Der Aachener Aphasie-Test (AAT) ist ein standardisiertes Diagnoseverfahren für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene. Er erfasst verschiedene Sprachbereiche wie Spontansprache, Nachsprechen, Lesen, Schreiben, Benennen und Sprachverständnis. Ergänzend liefert der Token-Test Hinweise zum Schweregrad der Aphasie. Der AAT ermöglich eine Klassifikation unterschiedlicher Aphasietypen, die Erstellung individueller Leistungsprofile und die Verlaufskontrolle von Therapieerfolgen. Die Durchführung dauert etwa 60 bis 90 Minuten und setzt einen stabilen Allgemeinzustand voraus (Hartje und Poeck, 2002).

Verschiedene Formen der Aphasie

Aphasie ist kein einheitliches Störungsbild, sondern tritt in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen auf. Die Einteilung orientiert sich dabei vor allem an den charakteristischen sprachlichen Symptomen und den betroffenen Hirnregionen. Zu den häufigsten Formen zählen die amnestische Aphasie, die Broca-Aphasie, die Wernicke-Aphasie sowie die globale Aphasie. Die amnestische Aphasie ist vor allem durch Wortfindungsstörungen gekennzeichnet. Der Sprechfluss und der Satzbau sind meist erhalten, Betroffene suchen jedoch häufig nach passenden Begriffen oder umschreiben diese. Das Sprachverständnis ist in der Regel kaum beeinträchtigt. Bei der Broca-Aphasie ist die Sprachproduktion stark eingeschränkt. Das Sprechen erfolgt langsam und angestrengt, die Artikulation ist oft undeutlich und die Prosodie reduziert. Das Sprachverständnis bleibt vergleichsweise gut erhalten, dennoch ist die Kommunikation durch die ausgeprägte expressive Störung deutlich erschwert. Die Wernicke-Aphasie zeichnet sich durch einen flüssigen, oft überschiessenden Sprechfluss aus, der jedoch inhaltlich stark gestört ist. Häufig treten Wortverwechslungen (Paraphasien), Wortneuschöpfungen (Neologismen) und grammatikalische Fehler auf. Das Sprachverständnis ist meist deutlich beeinträchtigt, was die Kommunikation erheblich einschränkt. Die globale Aphasie stellt die schwerste Form dar. Sowohl Sprachproduktion als auch Sprachverständnis sind massiv reduziert, sprachliche Äusserungen beschränken sich häufig auf Automatismen oder stereotype Wendungen. Eine verbale Kommunikation ist kaum möglich (Hartje & Poeck, 2002).

Aphasien lassen sich zudem nach ihrem Verlauf unterscheiden. In den ersten vier bis sechs Wochen nach der Hirnschädigung spricht man von einer akuten Aphasie. In diesem Zeitraum zeigen viele Betroffene deutliche Verbesserungen, bei etwa einem Drittel kommt es sogar zu einer weitgehenden Normalisierung der sprachlichen Fertigkeiten. Danach wird von einer chronischen Aphasie gesprochen (Hartje und Poeck, 2002).

«Man unterscheidet vier Standardsyndrome der Aphasien […]: Sprachautomatismus bei der globalen Aphasie, Paragrammatismus und Paraphasien bei der Wernicke-Aphasie, Agrammatismus bei Broca-Aphasie und Wortfindungsstörungen bei amnestischer Aphasie»

Hartje & Poeck, 2002, S. 160

Sprache entsteht im Netzwerk

Lange Zeit ging man davon aus, dass Sprache in klar abgegrenzten Hirnarealen wie dem Broca- oder Wernicke-Areal lokalisiert sei. Moderne neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch, dass Sprache das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verteilter Hirnregionen ist (Mesulam, 1990). Heute gilt das sogenannte Zwei-Schleifen-Modell der Sprachverarbeitung als weithin anerkannt. Es beschreibt ein links lateralisiertes temporo-parieto-frontales Netzwerk mit zwei zentralen Verarbeitungswegen: Der dorsale Weg verbindet auditive Sprachinformationen mit motorischen Sprachprozessen, etwa beim Nachsprechen. Der ventrale Weg ist entscheidend für das Sprachverständnis und die Bedeutungszuordnung (Stockert und Saur, 2017; Hickok und Poeppel, 2007). Sprache ist somit keine Leistung einzelner Hirnareale, sondern das Produkt funktionierender neuronaler Netzwerke. Nach einer Hirnläsion ist daher nicht nur das direkt geschädigte Areal betroffen. Auch weiter entfernte, strukturell intakte Regionen können vorübergehend ihre Funktion verlieren, wenn sie funktional mit dem Läsionsort verbunden sind (Hensler et al. 2014; Hickok und Poeppel, 2007). Dies erklärt, warum sprachliche Beeinträchtigungen bei Aphasie häufig ausgeprägter sind, als es die sichtbare Läsion vermuten lässt, und warum sich Symptome im Verlauf der Zeit verändern können (Stockert & Sauer, 2017).

Therapie und neue Perspektiven

Die Aphasie-Therapie zielt darauf ab, gestörte Sprachfunktionen wiederherzustellen, vorhandene Fähigkeiten zu nutzen und neue Wege der Kommunikation zu entwickeln. Frühzeitige und intensive Behandlung ist dabei besonders wichtig. Diagnosetests wie der Aachener Aphasie-Test (AAT) helfen, die individuellen Stärken und Schwächen der Patient*innen sichtbar zu machen und gezielte Therapien zu entwickeln (Hartje und Poeck, 2002). Die öffentliche Aufmerksamkeit für Aphasie, wie sie unter anderem durch den Rückzug von Bruce Willis aus der Schauspielerei entstand, kann dazu beitragen, das Bewusstsein für die Erkrankung zu schärfen und die Entwicklung neuer therapeutischer Ansätze zu fördern. Neure Studien zeigen, dass Künstliche Intelligenz (KI) und Large Language Models Menschen mit Aphasie zusätzlich unterstützen können. Eine Studie von Adikari et al. (2025) zeigte, dass KI dabei helfen kann, fragmentierte Sätze von Menschen mit Aphasie in verständliche Sprache zu verwandeln. So liessen sich etwa 80 Prozent der unvollständigen Äusserungen korrekt ergänzen (Adikari et al., 2025). Solche Technologien eröffnen die Perspektive, Therapie zu individualisieren, die Kommunikation im Alltag zu erleichtern und Betroffenen mehr Selbstständigkeit zu ermöglichen.

Zum Weiterlesen

  • Hartje, W., & Poeck, K. (2002). Klinische Neuropsychologie (4., überarb. Aufl.). Thieme.
  • Podcast: Aphasie? – Läuft bei uns! Vom AphasiezentrumRheinland-Pfalz.

Referenzen