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Zeitumstellung und ihre gesundheitlichen Folgen

Bilder: Yannick Staerk

Jedes Jahr im Frühling wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt. Die Umstellung auf die Sommerzeit greift in den biologischen Rhythmus vieler Menschen ein und ist mit messbaren gesundheitlichen Risiken verbunden. Erkenntnisse aus der Chronobiologie, Medizin und Verkehrsforschung zeigen, warum dieser Eingriff nicht für alle gleich gut verkraftbar ist.

Über die Autorin

M.Sc. Melanie Wüst ist Psychologin und Somnologin ESRS

I n der Nacht auf den letzten Sonntag im März 2026 wird in Europa erneut die Uhr um eine Stunde vorgestellt. Seit mehr als vierzig Jahren folgt ein Grossteil der Bevölkerung diesem halbjährlichen Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit. Was ursprünglich als technische Massnahme zur Energieeinsparung gedacht war, ist heute fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens – und zugleich zunehmend Gegenstand gesundheitlicher, politischer und wissenschaftlicher Debatten.

Historischer Hintergrund der Zeitumstellung

Die Wiedereinführung der Zeitumstellung Anfang der 1980er-Jahre erfolgte im Zuge der Ölpreiskrise. Durch die bessere Nutzung des natürlichen Tageslichts am Abend sollte der Stromverbrauch reduziert werden. Spätere Untersuchungen zeigten jedoch, dass diese Einsparungen gering ausfielen oder kaum messbar waren. Dennoch wurde die Zeitumstellung europaweit etabliert und über Jahrzehnte beibehalten. Im Jahr 2019 sprach sich das EU-Parlament zwar für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus, doch bis heute fehlt ein politischer Konsens darüber, welche Zeit dauerhaft gelten soll. Während wirtschaftliche Interessen häufig die Sommerzeit bevorzugen, warnen medizinische Fachgesellschaften vor möglichen gesundheitlichen Nachteilen.

Zentrale Begriffe rund um die Zeitumstellung

  • Chronobiologie: Wissenschaft von biologischen Rhythmen und inneren Zeitstrukturen.
  • Innere Uhr: Neurobiologisches Steuerungssystem, das Schlaf, Hormone und Leistungsfähigkeit reguliert.
  • Melatonin: Schlafhormon, dessen Ausschüttung durch Licht gehemmt wird.
  • Zeitgeber: Äussere Faktoren wie Licht, Mahlzeiten, Bewegung oder soziale Routinen, die die innere Uhr synchronisieren.

Chronobiologie: Die innere Uhr als zentrales Steuerungssystem

Aus chronobiologischer Sicht stellt jede Zeitumstellung einen Eingriff in ein hochsensibles System dar. Die innere Uhr des Menschen steuert nicht nur den Schlaf-Wach-Rhythmus, sondern auch Hormonfreisetzung, Stoffwechsel, Körpertemperatur und kognitive Leistungsfähigkeit. Der wichtigste Zeitgeber ist das Tageslicht, das über spezielle Fotorezeptoren in der Netzhaut Signale an den suprachiasmatischen Nukleus im Gehirn sendet und dort die Melatoninproduktion beeinflusst.

Neben Licht wirken auch Essenszeiten, Arbeitsrhythmen, Bewegung, soziale Verpflichtungen und feste Rituale als Zeitgeber. Dennoch gelingt die Anpassung an die neue Uhrzeit nicht allen Menschen gleich gut. Bereits frühere Studien zeigten ausgeprägte individuelle Unterschiede (Monk & Folkard, 1976). Besonders sogenannte Abendtypen haben Schwierigkeiten, sich an die vorverlegte Zeit anzupassen. Typische Folgen der Zeitumstellung sind Tagesmüdigkeit, Ein- und Durchschlafstörungen, verminderte Aufmerksamkeit sowie eine reduzierte Reaktionsfähigkeit. Auch emotionale Veränderungen wie Reizbarkeit oder depressive Verstimmungen wurden beschrieben. Kinder reagieren besonders sensibel, da ihre Schlafrhythmen stark ritualisiert sind. Eine abrupte Verschiebung kann einen stabilen Rhythmus nachhaltig stören und sich auf Stimmung, Lernfähigkeit und Verhalten auswirken.

«Das Tageslicht ist der wichtigste Zeitgeber für die innere Uhr des Menschen.»

Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin

Gesundheitliche Auswirkungen und Mortalität

Die gesundheitlichen Konsequenzen der Zeitumstellung sind gut dokumentiert. Eine Metaanalyse von Manfredini et al. (2019) zeigte einen signifikanten Anstieg akuter Herzinfarkte in der Woche nach der Umstellung auf die Sommerzeit. Bereits eine Verschiebung von nur einer Stunde reicht aus, um das kardiovaskuläre Risiko messbar zu erhöhen.

Auch beim Wechsel zurück zur Winterzeit wurde eine leichte Zunahme kardiologischer Notfälle beobachtet, jedoch weniger ausgeprägt. Darüber hinaus fanden Poteser und Moshammer (2020) eine erhöhte Gesamtsterblichkeit in der Woche nach der Frühjahrsumstellung. Bemerkenswert ist, dass der höchste Wert nicht unmittelbar am Sonntag, sondern am darauffolgenden Dienstag lag. Weitere Studien berichten zudem über eine Zunahme von Schlaganfällen, Arbeitsunfällen und medizinischen Notfällen in den Tagen nach der Zeitumstellung.

Zeitumstellung, Müdigkeit und Verkehrssicherheit

Neben gesundheitlichen Effekten beeinflusst die Zeitumstellung auch die Verkehrssicherheit. Müdigkeit, verminderte Aufmerksamkeit und veränderte Lichtverhältnisse erhöhen das Unfallrisiko. Eine US-amerikanische Studie von Cunningham et al. (2022) zeigte, dass Kollisionen zwischen Fahrzeugen und Wildtieren besonders häufig in den Stunden nach Sonnenuntergang auftreten.

Während der Winter- bzw. Normalzeit überschneiden sich Feierabendverkehr und Wildwechsel besonders stark. In der Woche nach der Umstellung im Herbst stiegen diese Unfälle um 16 %. Modellrechnungen legen nahe, dass eine dauerhafte Sommerzeit sowohl menschliche Opfer als auch erhebliche volkswirtschaftliche Kosten reduzieren könnte.

Neben akuten Effekten wird zunehmend diskutiert, ob die wiederholte Zeitumstellung langfristige Folgen haben kann. Wiederkehrender Schlafmangel und eine chronische Verschiebung des Schlaf-Wach-Rhythmus stehen im Verdacht, Stoffwechselprozesse, das Immunsystem und die psychische Gesundheit negativ zu beeinflussen. Auch wenn diese Zusammenhänge noch erforscht werden, unterstreichen sie die Bedeutung einer stabilen, biologisch angepassten Zeitstruktur.

M.Sc. Melanie Wüst
Psychologin und Somnologin ESRS

Wirtschaftliches Interesse an der Sommerzeit

Wirtschaftliche Akteure verweisen hingegen auf potenzielle Vorteile einer dauerhaften Sommerzeit. Längere helle Abendstunden fördern Freizeitaktivitäten, Gastronomie, Detailhandel und Tourismus. Studien legen nahe, dass Konsum und Aufenthaltsdauer im öffentlichen Raum bei Tageslicht steigen. Auch Argumente zur besseren Synchronisierung mit internationalen Handelspartnern werden angeführt. Die ökonomische Perspektive steht damit nicht selten im Spannungsfeld zur chronobiologischen Empfehlung einer dauerhaften Normalzeit.

Tipps & Tricks: Gute Vorbereitung für die Zeitumstellung im März 2026

  • Schlafenszeiten vier bis fünf Tage vorher schrittweise vorverlegen
  • Morgens möglichst viel natürliches Tageslicht nutzen
  • Abends helles Kunstlicht und Bildschirmzeit reduzieren
  • Koffein, Alkohol und schwere Mahlzeiten am Abend vermeiden
  • Kindern klare Rituale und sanfte Übergänge bieten

Fazit

Die Zeitumstellung ist kein harmloser Routineeingriff. Sie beeinflusst Schlaf, Herz-Kreislauf-Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Verkehrssicherheit. Während wirtschaftliche Interessen häufig für die Sommerzeit sprechen, empfehlen viele schlafmedizinische Fachgesellschaften die dauerhafte Beibehaltung der Normal- bzw. Winterzeit. Diese orientiert sich stärker am natürlichen Licht-Dunkel-Rhythmus und reduziert langfristig das Risiko von Schlafmangel und gesundheitlichen Folgeschäden.

Zum Weiterlesen

  • Roenneberg, T., Winnebeck, E. C., &Klerman, E. B. (2019). Daylightsaving time and artificial time zones: A battle between biological and socialtimes. Frontiers in Physiology, 10, Article 944. https://doi.org/10.3389/fphys.2019.00944
  • Rishi, M. A., Ahmed, O., Barrantes Perez, J. H., Berneking, M., Davis,G., Flynn-Evans, E. E., et al. (2020). Daylight saving time: An AmericanAcademy of Sleep Medicine position statement. Journal of Clinical SleepMedicine, 16(10), 1781–1784. https://doi.org/10.5664/jcsm.8780

Referenzen

  • Cunningham, C. X., Nuñez, T. A., Hentati, Y., Sullender, B., Breen, C.,Ganz, T. R., Kreling, S. E. S., Shively, K. A., Reese, E., Miles, J., &Prugh, L. R. (2022). Permanent daylight saving time would reduce deer–vehiclecollisions. Current Biology, 32(22), 4982–4988.e4. https://doi.org/10.1016/j.cub.2022.10.007
  • Manfredini, R., Fabbian, F., Cappadona, R., De Giorgi, A., Bravi, F.,Carradori, T., Flacco, M. E., & Manzoli, L. (2019). Daylight saving time and acutemyocardial infarction: A meta-analysis. Journal of Clinical Medicine, 8(3),Article 404. https://doi.org/10.3390/jcm8030404
  • Manfredini, R., Fabbian, F., De Giorgi, A., Cappadona, R., Capodaglio,G., & Fedeli, U. (2019). Daylight saving time transitions and circulatorydeaths: Data from the Veneto region of Italy. Internal and EmergencyMedicine, 14, 1185–1187. https://doi.org/10.1007/s11739-019-02076-0
  • Monk, T. H., & Folkard, S. (1976). Adjusting to the changes to andfrom daylight saving time. Nature, 261, 688–689. https://doi.org/10.1038/261688a0
  • Poteser, M., & Moshammer, H. (2020). Daylight saving timetransitions: Impact on total mortality. International Journal ofEnvironmental Research and Public Health, 17(5), Article 1611. https://doi.org/10.3390/ijerph17051611