Kreativität steht im Zusammenhang mit positiven Lebensfolgen. Die Rolle der Stille auf die Kreativität wird diesem Artikel in verschiedenen Formen – arbeitspsychologisch, neurologisch und kommunikativ – beleuchtet.
I deen zu haben ist eine basale menschliche Fähigkeit, welche unser Fortbestehen sowie unser Überleben massgeblich beeinflusst hat. Sobald diese Ideen neu sind, also in irgendeiner Form originell und verschieden von vorherigen Ideen sowie nützlich, also der Anwendung angemessen sind, kann man von Kreativität sprechen (Guilford, 1950; Kaufman & Sternberg, 2010). Kreativität prädiktiert, ähnlich wie Intelligenz, viele spätere Lebensfolgen. Meta-Analysen suggerieren beispielsweise, dass eine höhere Kreativitätsausprägung mit relevant höherer akademischer Leistung, mehr Innovation in Firmen und sogar höherem allgemeinen Wohlbefinden zusammenhängt (Acar et al., 2021; Gajda et al., 2017; Lee et al., 2020). Man könnte daher postulieren, dass Kreativität ein erstrebenswertes Personenmerkmal ist. Entsprechend wurde das Konstrukt auch rege untersucht: Eigenschaften wie höhere Ausprägungen in Offenheit für Erfahrungen oder intrinsischer Motivation sowie einen neutralen bis positiven Affekt zu haben, hängen mit der Erfolgswahrscheinlichkeit von Kreativitätsaufgaben zusammen.
Kreativitätsaufgaben versuchen das Konstrukt der Kreativität zu erfassen. Beispiele sind: Der Alternative Uses Task (AUT), bei dem es darum geht, möglichst schnell viele und voneinander verschiedene Ideen, beispielsweise für die Verwendung von einem Ziegelstein zu generieren. Beim Torrance Tests of Creative Thinking (TTCT) hingegen, sollen Figuren, Bildtitel oder ganze Fantasiegeschichten erfunden werden. Ein weiteres Beispiel ist der Remote Associates Test (RAT), in dem die Personen entfernte semantische Assoziationen herstellen müssen (z. B. Mann – Hand – Uhr → Armband).
Auch divergentes Denken, also eine Teilfacette der Kreativität, bei der es darum geht, möglichst schnell viele und verschiedene Ideen zu generieren, prädiktiert den Erfolg von anderen Kreativitätsaufgaben. Menschen mit diesen individuellen Eigenschaften schneiden bei Kreativitätsaufgaben zwar häufiger besser ab, der Effekt ist insgesamt jedoch überschaubar (da Costa et al., 2015). Persönliche Merkmale erklären somit nur einen kleinen Teil der Unterschiede in Kreativität. Deutlich wichtiger ist der Kontext: Also wie beispielsweise Arbeit organisiert ist, welche Rollen Menschen einnehmen und in welchem sozialen Umfeld sie arbeiten. Studien zeigen, dass solche Rahmenbedingungen einen wesentlich grösseren Einfluss darauf haben, wie kreativ Menschen tatsächlich sind, als ihre individuellen Eigenschaften (da Costa et al., 2014, 2015). Das ist ein recht erbauliches Ergebnis, denn es deutet darauf hin, dass Kontextvariablen sehr relevant für Kreativität sind, was wiederum bedeutet, dass Kreativität einfach(er) beeinflussbar ist, aber auch enorm vom Kontext, wie beispielweise dem Arbeitsumfeld, gehemmt werden kann. Es existieren bereits diverse Ansätze und Interventionen, um Kreativität am Arbeitsplatz zu steigern – etwa durch das spielerische Einbauen von Metaphern oder Wortspielen in Mails (z. B. Scharp et al., 2023). Dem entgegen soll nachfolgend auf ein für die Kreativität wichtiges aber gesellschaftlich selten gewordenes Phänomen eingegangen werden, welches vorerst unscheinbar anmuten lässt: die Stille.
Warum Schopenhauer die Stille suchte
Bereits Arthur Schopenhauer schrieb im Jahr 1851, wie wichtig das Philosophieren für das Lebensglück sei und wiederum wie wichtig die Einsamkeit und Stille für das erfolgreiche Philosophieren sei. Hiermit zieht er eine direkte Verbindung von der Stille zur Kreativität, da das Philosophieren, eine sehr kreative Tätigkeit ist. So zog Schopenhauer sich zunehmend zurück und richtete zwei Königspudel ab, um Brot für ihn zu besorgen, damit er sich ganz der Stille, der Einsamkeit und dem Philosophieren hingeben konnte.
«Silence creates a rare opportunity to pause and drop into stillness, to become inti mate with your own mind. When we start the journey to attune to our own minds by pausing into stillness, we enter a new realm of experience that can produce surprise in each moment […]. As the stillness permits the mind to ‹settle›, it becomes possible to be aware of the subtleties in the fine structure of the mind’s functions. Stillness is not the same as a void in activity, it’s more like a stabilizing strength»

Auch wenn man Schopenhauers Tipps zum Glück nicht zu genau befolgen sollte, da er bekanntlich selbst nicht viel Erfolg bei der Suche danach hatte und Einsamkeit höchst schädlich für uns ist, so haben sich doch viele andere Autoren Gedanken über die Zusammenhänge von Stille und Kreativität gemacht. Beispielsweise erweiterten Elsbach & Hargadon (2006) das bekannte Job-Characteristics-Model (JCM) von Hackman et al. von (1975): In Hackmanns originalem Modell geht es darum, die Arbeit durch positive Variablen zu verstärken, um bessere Ergebnisse der Aufgaben sowie für die Arbeitnehmenden selbst zu erzielen. Beispiele seien unter anderem Ganzheitlichkeit, also dass Personen den Prozess einer Aufgabe komplett miterleben, wie zum Beispiel ein komplettes Auslassventil zusammenbauen, statt nur ein Gehäuseteil am Fliessband anzuschrauben. Ein weiterer positiver Faktor sei die Autonomie der Arbeitnehmenden also, dass sie die Aufgaben beeinflussen können, wie etwa eine Person, welche die Freiheit hat, besagtes Auslassventil auf die eigene Arbeitsweise zugeschnitten zusammenzubauen zu können. Auch abwechslungsreiche Aufgaben, zum Beispiel dass eine Person nicht nur Auslassventile, sondern auch Druckregler und Pumpen zusammenbaut, gehöre zu diesen positiven Variablen. Das Modell schafft Ansatzpunkte, ebendiese Komponenten anzureichern, sodass am Ende mehr Produktivität für das Unternehmen und mehr Wohlbefinden für die Mitarbeitenden erwächst. Die Stille kommt hier mit der Erweiterung des JCM’s von Elsbach & Hargadon (2006) ins Spiel: Neben den angereicherten, sinnstiftenden Aufgaben, sehen sie auch einen Teil stumpfer und automatisierter Aufgaben vor, bei deren Durchführung die Arbeiter in einem Zustand der relativen Stille befinden. Diese innere Stille entsteht aus dem niedrigeren Druck sowie den reduzierten Anforderungen an die kognitiven Ressourcen der Arbeitnehmenden. Auf diesen Zustand folgen eine Erhöhung der intrinsischen Motivation, sowie eine Steigerung des positiven Affektes. Den aufmerksamen Lesenden mag jetzt vielleicht aufgefallen sein, dass intrinsische Motivation sowie neutraler bis positiver Affekt zwei Faktoren sind, welche der Kreativität vorausgehen. Genau über diesen Mechanismuspfad könnte die Stille also die Kreativität stimulieren (da Costa et al., 2015).

Die Kehrseite
Trotz den fundierten Ansätzen von Elsbach und Hargadon deuten empirische Befunde auf einer Kommunikations- und Organisationsebene auch auf negative Auswirkungen von einer anderen Form der Stille auf die Kreativität. Es wurde gefunden, dass organisationale Stille, also wenn Arbeitnehmende sich nicht zu Thematiken äussern, negativ zusammenhängt mit organisationaler Bindung sowie organisationaler Kreativität. Organisationale Bindung ist, wenn Mitarbeitende sich emotional, normativ und kontinuierlich der Organisation nahe sehen und sich daher auch mehr für die Organisation einsetzen. Organisationale Kreativität ist die Fähigkeit einer Organisation, ein kreativ stimulierendes Umfeld zu schaffen. Diese Variablen könnten folgendermassen Zusammenhängen: Auf zunehmende organisationale Stille, folgt mehr Rückzug der Arbeitnehmenden, was wiederum keine Auseinandersetzung mit der Organisation mehr erlaubt. Keine Auseinandersetzung mit der Organisation führt zu weniger organisationaler Bindung und organisationaler Kreativität, was dann schlussendlich zu geringeren Kreativitätsoutputs, also auch Leistungseinbussen führt. Je grösser also die organisationale Stille ist, desto geringer ist die Partizipation, die Kreativität und die Bindung zur eigenen Organisation (Sadeghi & Razavi, 2020), was verheerend für Firmen generell, aber vor allem für innovative Branchen enorm destruktiv sein kann.
In Einklang mit diesen Ergebnissen existieren auf Teamlevel Hinweise darauf, dass Stille nicht direkt auf Kreativität wirkt, sondern durch das Vermeiden von Konflikten und Reduzieren von Spannungen vermittelt wird (Baltezarević et al., 2022). Stille könnte also nur dann Kreativitätsstimulierend wirken, wenn sie nicht durch Konfliktvermeidung ausgelöst wird. Dieses Ergebnis ist aber nur das Ergebnis einer einzigen Studie. Im Wiederspruch zu diesem steht, dass Konfliktvermeidung sich mit der Persönlichkeitseigenschaft der Verträglichkeit überschneiden müsste, hierfür wurde aber kein Effekt gefunden (da Costa et al., 2015).
Was während wir Stille erleben bei uns im Gehirn passiert, kann durch ein sogenanntes Stille-Netz oder Default-Mode-Network erklärt werden, welches aktiver ist, wenn weniger Aussenstimuli auf uns einwirken. Dieses befindet sich im medialen Präfrontalkortex, im posterioren cingulären Kortex sowie im inferioren Parietallappen. Experimentelle Hinweise auf die Wirkung des Stille-Netzwerks auf unsere Kreativität liefern Beaty et al. (2014), Takeuchi et al. (2012) und Wei et al., (2014).
Zwischen Rückzug und Austausch
Die genauen Zusammenhänge der Stille auf die Kreativität bleiben also unklar. Es gibt jedoch starke Hinweise, dass Stille auf Kreativität auf einer individuellen Ebene positiv stimulierend wirkt. Diese Effekte drehen sich auf einer Gruppenebene jedoch um, sodass hier Stille kreativitätshemmend scheint. Vielleicht kann man es gut mit einem Brainstorming-Prozess zusammenfassen: Es fallen einem viele tolle Ideen ein, wenn sich nicht alle auf einmal melden, aber am Ende profitiert man doch stark von den Inputs der anderen, da sie die eigenen Gedanken weiterentwickeln und formen.






















