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Alltag

Wenn Scham zum Schweigen führt

Eine Annäherung an eine Emotion, die sich selbst verbirgt
Bilder: Antonio Llanque Romero

Scham ist eine zentrale Emotion, die bestimmt, worüber wir sprechen und worüber wir schweigen. Sie kann dazu führen, dass wir unser Verhalten an gesellschaftlichen Normen ausrichten – gleichzeitig aber dazu beitragen, dass belastende Erfahrungen unausgesprochen bleiben.

A us evolutionspsychologischer Perspektive werden Emotionen generell eine funktionale Rolle zugeschrieben: Es wird angenommen, dass sie sich im Zuge der natürlichen Selektion entwickelten, weil sie zur Bewältigung von Anpassungsproblemen beitrugen (Aragaman et al., 2024). Emotionen wie Stolz und Scham werden oft mit der Regulation des sozialen Status in Verbindung gebracht: Während Stolz dazu beitragen kann, die eigene Stellung innerhalb einer Gruppe zu stärken, unterstützt Scham die Anpassung an soziale Normen und schützt so vor sozialer Abwertung (Al-Shawaf et al., 2015; Aragaman et al., 2024). Vor diesem Hintergrund lässt sich Scham als Mechanismus verstehen, der in sozialen Situationen aktiviert werden kann und dazu beiträgt, potenziell unerwünschtes Verhalten zu regulieren (Harris & Darby, 2009; Jaeb & Pecanac, 2023).

Scham vs Schuld

Tangney und Dearing (2004) unterscheiden Scham und Schuld danach, dass Schuld eher mit der Sorge um die Folgen des eigenen Handelns für andere verbunden ist, während sich Scham auf die wahrgenommene Bewertung der eigenen Person durch andere bezieht. Es steht somit nicht nur das eigene Verhalten, sondern die Person als Ganzes im Vordergrund. Entsprechend wird Scham häufig als das schmerzhaftere Gefühl beschrieben, da es mit einem umfassenden Gefühl persönlicher Abwertung, Machtlosigkeit und Wertlosigkeit einhergehen kann.

Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Emotionen liegt in den komplexeren kognitiven Voraussetzungen der Scham. Diese Emotion setzt voraus, dass Menschen ein stabiles Bild ihrer eigenen Person entwickelt haben, und zugleich in der Lage sind, eine externe Perspektive auf diese Selbstrepräsentationen zu übernehmen. Erst dadurch kann ein Mensch wahrnehmen und reflektieren, wenn eine Diskrepanz zwischen eigenem Verhalten und externer Bewertung dieses Verhaltens, sowie zwischen unseren tatsächlichen und gewünschten Selbstbildern entsteht (Tracy & Robins, 2004).

«In der Scham ist das Selbst von einer globalen Entwertung betroffen, es fühlt sich fehlerhaft, anstössig, verdammt.»

Dan Zahavi, 2013, S. 1

Scham als Hindernis für Hilfesuche

Trotz ihrer evolutionspsychologischen Funktion kann das Erleben von Scham als belastend und wenig hilfreich empfunden werden. Es geht häufig mit psychischen Folgen einher, etwa einem geringeren Selbstwertgefühl, allgemeinem Stress oder der Tendenz, die eigenen Gefühle zu unterdrücken (Zahavi, 2013; Jaeb & Pecanac, 2023).

Eine häufig auftretende Reaktion auf Scham ist der Wunsch, die eigene Emotion zu verbergen und sich der auslösenden Situation zu entziehen (Argaman et al., 2024). Dies kann dazu beitragen, dass schambehaftete Erfahrungen oder Themen verschwiegen werden.

Dass Scham Menschen daran hindert, über stigmatisierte Themen zu sprechen, zeigt sich in zahlreichen Lebensbereichen. Beispielsweise schreibt McLintock (2018), dass gesellschaftliche Tabus rund um die Menstruation Menschen davon abhalten können, entsprechende Beschwerden mit Klinikpersonal zu besprechen – insbesondere dann, wenn es sich um männliche Ärzte handelt. In einer Studie berichteten nur 38 Prozent der Personen, die unter übermässig starken Menstruationsblutungen litten, ihrem Arzt oder ihrer Ärztin von ihren Beschwerden (Kadir, Edlund & von Mackensen, 2010; Gottlieb, 2020).

Auch andere persönliche Erfahrungen werden aus Scham häufig nicht offen angesprochen. Jaeb & Pecanac (2023) nennen unter anderem zwischenmenschliche Gewalt (Lutz, 2005), Rauchverhalten (Sankar & Jones, 2005) oder sexuelle Probleme (Goldstein et al., 2009), sowie Schwierigkeiten, den eigenen Ansprüchen an das Stillen gerecht zu werden (Faherman et al., 2012). Wenn diese Erfahrungen verborgen bleiben und kaum öffentlich thematisiert werden, kann dies die gesellschaftliche Wahrnehmung davon verzerren, was als normal oder abweichend gilt. Auf diese Weise wirkt Scham nicht nur auf individueller Ebene, sondern trägt auch dazu bei, bestehende gesellschaftliche Normen aufrechtzuerhalten.

«Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die so empfindet.»

Annie Ernaux, 1997, S.91

Scham über die Scham

Doch Scham kann nicht nur dazu führen, dass bestimmte Inhalte verschwiegen werden. Auch die Emotion selbst kann zum Gegenstand von Vermeidung werden. Scheff (2011) schreibt, dass die Erforschung der Scham von einem Tabu überschattet werde, das zu Verdrängung und Schweigen führe. Somit kann Scham auf sich selbst zurückwirken – als Scham über die Scham (Scheff, 2014). Trotz ihrer zentralen Bedeutung bleibt die Emotion somit in unserem Alltag häufig unausgesprochen.

Dieser Zusammenhang zeigt sich zum Beispiel im Gesundheitskontext, wo Betroffene nicht nur Informationen über gesundheitliche Probleme verbergen, sondern auch gleichzeitig dieses Verbergen selbst als beschämend erleben (Jaeb & Pecanac, 2023). Fredriksson und Lindström (2002) fanden etwa, dass Patient*innen mit psychischen Erkrankungen Scham sowohl bei der Offenlegung ihres Leidens als auch beim Versuch empfanden, dieses vor anderen zu verbergen.

Selbststigmatisierung und Destigmatisierung

Durch die verbergende Natur der Scham bleiben schambehaftete Themen häufig unsichtbar, was den Zugang zu Unterstützung erschwert, und gleichzeitig gesellschaftliche Tabus stabilisiert.

Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, spielen neben Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene auch der eigene Umgang der Betroffenen mit stigmatisierenden Erfahrungen eine wichtige Rolle. Öffentliche Stigmatisierung kann nämlich in Selbststigmatisierung übergehen, wenn negative gesellschaftliche Zuschreibungen verinnerlicht werden und das eigene Selbstbild prägen (Mittal et al., 2012; Livingston & Boyd, 2010).

In den vergangenen Jahren wurden zunehmend Interventionen entwickelt, die darauf abzielen, Selbststigmatisierung zu reduzieren (Yanos et al., 2015). Yanos et al. (2015) analysierten zum Beispiel gemeinsame Elemente in Interventionen gegen Selbst-Stigmatisierung bei psychischen Gesundheitsproblemen. Sie fanden, dass viele Programme aus den folgenden zentralen Elementen bestanden: 1. Psychoedukation, um Mythen über psychische Erkrankungen zu entkräften, 2. kognitiven Strategien, durch die Betroffene lernen, selbstabwertende Gedanken und Überzeugungen zu erkennen und zu verändern und 3. narrativen Ansätzen, die dabei helfen sollen, eigene Erfahrungen einzuordnen und ihnen Bedeutung zu verleihen.

Destigmatisierung ist aber ein komplexer und langfristiger Prozess, der sich in der Regel nicht durch einzelne Massnahmen erreichen lässt (Haghighat, 2001; Kunze, 2024). Vielmehr werden kontinuierliche und mehrdimensionale Ansätze benötigt, die auf verschiedenen Ebenen ansetzen – etwa in Bildung, Wissenschaft, Gesundheitsversorgung, Medien oder Politik (Haghighat, 2001; Kunze, 2024).

Zum Weiterlesen

  • Al-Shawaf, L., Conroy-Beam, D., Asao, K., & Buss, D. M. (2016). Human Emotions: An Evolutionary Psychological Perspective. Emotion Review, 8(2), 173-186. https://doi.org/10.1177/1754073914565518
  • Ernaux, A. (2020). Die Scham (S. Finck, Übers.). Suhrkamp. (Originalwerk erschienen 1997) 
  • Scheff, T. J. (2003), Shame in Self and Society. Symbolic Interaction, 26: 239-262. https://doi.org/10.1525/si.2003.26.2.239 
  • Tangney, J. P., & Dearing, R. L. (2003). Shame and guilt. Guilford Press.

Referenzen

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  • Al-Shawaf, L., Conroy-Beam, D., Asao, K., & Buss, D. M. (2016). Human Emotions: An Evolutionary Psychological Perspective. Emotion Review, 8(2), 173-186. https://doi.org/10.1177/1754073914565518 
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  • Fredriksson, L. & Lindström, U. Å. (2002), Caring conversations – psychiatric patients' narratives about suffering. Journal of Advanced Nursing, 40: 396-404. https://doi.org/10.1046/j.1365-2648.2002.02387.xhttps://doi.org/10.1046/j.1365-2648.2002.02387.x 
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  • Tangney, J. P., & Dearing, R. L. (2003). Shame and guilt. Guilford Press. 
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