Über weibliche Lust wird gesprochen, solange sie sichtbar und erfolgreich ist. Tabu bleibt oft der Satz: «Nein, ich hatte keinen Orgasmus». Warum Frauen beim heterosexuellen Sex ihren Orgasmus vortäuschen, was Scham und das Patriarchat damit zu tun haben und wie Christa Gubler, Psychotherapeutin und Sexologin, in einem Interview für mehr Offenheit plädiert.
Gender Orgasm Gap
Der Begriff bezeichnet die Differenz zwischen der Orgasmushäufigkeit von Frauen und Männern bei heterosexuellem Sex. Eine systematische Forschungsübersicht von Döring und Mohseni (2022) zeigte, dass typischerweise 30–60% der Frauen von einem Orgasmus berichten. Bei den Männern lagen diese Angaben zwischen 70–100%. Diese Lücke wird nicht biologisch erklärt, sondern mit Rollenbildern, Kommunikation und gesellschaftlichen Erwartungen (Döring & Mohseni, 2022).
Ü ber weibliche Sexualität wird heute scheinbar offen gesprochen. Frauen sollen ihren Körper kennen, Lust empfinden und selbstbewusst zeigen, was ihnen gefällt. Tabu bleibt jedoch häufig der Moment, in dem diese Erwartungen nicht erfüllt werden: Wenn der Höhepunkt nicht erreicht wird, der Geschlechtsverkehr nicht besonders angenehm ist oder eine Frau nicht weiss, wie sie ihre Wünsche ausdrücken soll. Genau an dieser Stelle beginnt das Vortäuschen, der gespielte Orgasmus hält die Fassade aufrecht. Er sagt: Alles ist gut, ich hatte Lust. Der Sex mit dir befriedigt mich. Die tatsächliche Erfahrung bleibt verborgen. Das Vortäuschen eines Orgasmus ist deshalb nicht nur ein individuelles Verhalten, sondern auch ein Symptom patriarchaler Strukturen und des Schweigens über weibliche Lust.
«Ich will meinen Partner nicht verletzen. Und ich will sein Ego nicht verletzen.»
Verschiedene Motive, nicht eine einzige Ursache
Das Vortäuschen eines Orgasmus hat aus psychologischer Sicht keinen einheitlichen Grund. Motive für das Vortäuschen lassen sich laut McCoy et al. (2015) in drei grössere Bereiche einteilen: die Verbesserung der sexuellen Erfahrung des Partners, Täuschung und Manipulation sowie das Verbergen von sexuellem Desinteresse.
Eine Frau kann den Höhepunkt vortäuschen, um ihren Partner zu bestätigen, seine Unsicherheiten zu vermindern oder ihm das Gefühl zu geben, er habe guten Sex ermöglicht (McCoy et al., 2015). In einer Studie berichteten 47% der Frauen, die einen Orgasmus vorgetäuscht hatten, von einem solch vermeintlich positiven Ziel (Muehlenhard & Shippee, 2010).
Besonders beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr steht die Sorge im Vordergrund, der Mann könne sich zurückgewiesen, unfähig oder enttäuscht fühlen, wenn seine Partnerin nicht zum Höhepunkt kommt (Muehlenhard & Shippee, 2010). Damit übernimmt die Frau eine emotionale Aufgabe, die über ihr eigenes sexuelle Erleben hinausgeht: Sie stabilisiert die Stimmung und das Selbstwertgefühl des Partners (Muehlenhard & Shippee, 2010). Viele Frauen täuschen nicht mit dem Ziel, dem Partner etwas vorzuspielen, sondern reagieren auf eine Situation, in der die Wahrheit scheinbar mehr Schwierigkeiten verursachen würde als die Inszenierung eines Orgasmus. In einem Interview erklärt die Psychotherapeutin, Sexologin und Mitgründerin des Zürcher Instituts für klinische Sexologie & Sexualtherapie Christa Gubler, dass ein solches Vortäuschen kurzfristig funktionieren kann. Der Partner fühlt sich bestätigt, der Sex endet ohne unangenehme Diskussion oder Stille und die Frau muss ihre Enttäuschung nicht erklären. Gleichzeitig erhält der Partner aber auch eine falsche Rückmeldung. Er geht möglicherweise davon aus, dass eine bestimmte Berührung, Technik oder Abfolge erfolgreich ist, obwohl sie der Frau nicht das gibt, was sie braucht und befriedigt. So kann ein Kreislauf entstehen. Die Frau täuscht weiter, weil sie nicht enttäuschen möchte. Der Partner wiederholt das vermeintlich erfolgreiche Verhalten, weil er glaubt, damit Lust auszulösen. Beide entfernen sich dadurch von einer offenen Verständigung über tatsächliche Lust. So erlebt auch Christa Gubler in ihrer Praxis öfter, dass Frauen, die einen Orgasmus vortäuschen, das häufig über Jahre oder gar schon immer so tun.
Ein weiteres Motiv ist die Manipulation oder das sexuelle Desinteresse (Muehlenhard & Shippee, 2010). Die Frau möchte also möglicherweise nicht, dass der Partner gekränkt ist, sich schuldig fühlt oder seine sexuellen Kompetenzen infrage stellt. Vielleicht fehlt ihr aber auch schlichtweg die Lust, sie möchte den Sex beenden oder sie scheut das Gespräch darüber. Das Vortäuschen kann in einem solchen Fall wie ein sozialer Notausgang funktionieren und dient damit dem Selbstschutz der Frau (McCoy et al., 2015). In einer Studie gaben 78% der Frauen, die einen Orgasmus vortäuschten, das Vermeiden von negativen Konsequenzen als Grund an (Muehlenhard & Shippee, 2010). Dieses Motiv trat beim penetrativen Sex häufiger auf als bei anderen sexuellen Aktivitäten. Das Verhalten ist damit nicht automatisch manipulativ oder böswillig. Problematisch wird es vor allem dann, wenn die Strategie zur Gewohnheit wird und die tatsächlichen Bedürfnisse der Frau dauerhaft aus der sexuellen Beziehung verschwinden.
«Sexualität ist etwas, das man lernen muss» – lic. Phil. Christa Gubler
Christa Gubler beschreibt, dass auch Frauen häufig so sozialisiert werden, dass sie alles können und über ihre Sexualität selbstverständlich Bescheid wissen sollten. Wenn Frauen sich in ihrer Sexualität unsicher sind, könnten bei ihnen Fragen aufkommen wie: «Bin ich gut genug im Bett?» «Was stimmt nicht mit mir?» oder gar «Ich bin keine richtige Frau».
«Sexualität ist etwas, das man lernen muss. Wie Klavier spielen. Und Sexualität mit eine*r Partner*in ist wie vierhändig Klavier spielen.»
Aber beide Personen müssten zunächst ihre eigene Sexualität und Erregbarkeit kennen, bevor sie gemeinsam herausfinden könnten, was ihnen gefällt. Das Bild vom vierhändigen Klavierspiel macht einen wichtigen psychologischen Punkt sichtbar: Sex ist kein Vorspiel, bei dem eine Person allein bestehen muss, sondern ein gemeinsamer Lernprozess. Wenn niemand gelernt hat, über Empfindungen, Wünsche und Grenzen zu sprechen, wird Unsicherheit leicht als persönliches Versagen erlebt.
Gubler nennt Scham als einen zentralen Hintergrund des Vortäuschens von Orgasmen beim Sex. Eine Frau muss dann nicht zugeben, dass sie keinen Orgasmus erlebt, nicht weiss, was sie erregt oder gerade nicht in der Stimmung ist. Stattdessen kann sie die erwartete Reaktion darstellen und damit die Situation scheinbar erfolgreich abschliessen. Sie beschreibt die dahinterliegenden Fragen als Zweifel an der eigenen Weiblichkeit und sexuellen Kompetenz. Diese Fragen entstehen in einem patriarchalen System, in dem Frauen einerseits begehrenswert und verfügbar sein sollen, andererseits jedoch lernen, ihre eigenen Wünsche nur indirekt auszudrücken.
Zudem sieht Christa Gubler einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Vortäuschen von Orgasmen und einem unsicheren Körpergefühl. Das Vortäuschen verstärke diese Ratlosigkeit womöglich weiter. Diese Aussage ist nicht als Diagnose oder als pathologisch für jede Frau zu verstehen. Ein einzelner vorgetäuschter Orgasmus beweist weder geringe Selbstsicherheit noch ein gestörtes Körpergefühl. Entscheidend sind Häufigkeit, Kontext und die Frage, ob die eigene sexuelle Selbstbestimmung eingeschränkt wird. Eine Frau kann ihren Partner mögen und Sex geniessen, ohne einen Orgasmus zu erleben, aber trotzdem befürchten, dass diese Form von Lust nicht genügt. Eine Frau kann sich in einer Beziehung sicher fühlen und trotzdem einen Orgasmus vorspielen, wenn sie gelernt hat, dass die sexuelle Zufriedenheit des Partners wichtiger ist als die eigene.
Unterschied zwischen Lust und Orgasmus
Ein Orgasmus kann eine intensive Form sexuellen Vergnügens sein, ist aber nicht mit sexuellem Vergnügen insgesamt gleichzusetzen. Sex kann lustvoll, verbindend und befriedigend sein, ohne dass eine oder beide Personen einen Orgasmus erleben. Christa Gubler betont, dass ein Orgasmus nicht zwingend notwendig ist, damit Sex gut sein kann. Diese Entlastung darf nicht in eine neue Abwertung umschlagen. Wenn eine Frau einen Orgasmus möchte, sollte dieser Wunsch genauso ernst genommen werden wie der Wunsch ihres Partners. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie bekommt man jede Frau zum Orgasmus? Sie lautet: Wie können sexuelle Begegnungen gestaltet werden, in denen beide Personen ihre Wünsche äussern können und kein Höhepunkt vorgespielt werden muss?
Das doppelte Tabu
Tabu ist nicht nur, keinen Orgasmus während penetrativem Sex zu haben. Tabu ist auch, darüber zu sprechen. Viele Frauen fürchten, den Partner zu enttäuschen oder als «nicht normal» zu gelten. Das Vortäuschen schützt kurzfristig vor Scham und Konflikten, verhindert aber zugleich, dass Bedürfnisse, Grenzen und sexuelle Wünsche sichtbar werden (Muehlenhard & Shippee, 2010; Hevesi et al., 2022)
Kommunikation statt Tabu
Christa Gubler sowie Döring und Mohseni (2022) empfehlen Frauen, den eigenen Körper und die eigenen Vorlieben besser kennenzulernen und Wünsche in der Partnerschaft offen zu kommunizieren. Weiter rät Christa Gubler Frauen, sich mit Klitoris, Vulva und Vagina auseinanderzusetzen. Sie nennt Bewegung, Berührung, Atmung, Rhythmus, Fantasie und Sinneswahrnehmung als mögliche Zugänge. Ziel sei nicht, eine Technik zu erfüllen, sondern herauszufinden, wie der eigene Körper Erregung erlebt. Dabei müssen auch Partner lernen, Rückmeldungen nicht als persönliche Kritik zu verstehen. Ein Wunsch nach mehr Druck, weniger Tempo oder einer anderen Berührung ist kein Urteil über den Wert eines Menschen, sondern eine Information für den gemeinsamen Lernprozess. Gubler weist darauf hin, dass viele Menschen sexuelle Kommunikation nie ausreichend gelernt haben. Ein Gespräch kann mit kleinen Fragen anfangen, wie beispielsweise: Was war angenehm? Was soll anders sein? Möchtest du weitermachen? Was brauchst du, damit du dich sicher und lustvoll fühlst? Wenn eine Frau einen Orgasmus vortäuscht, sollte nicht sofort nach Schuldigen gesucht werden. Beide müssen verstehen, welche Angst oder Erwartung dazu geführt hat. Bei einer späteren Aufdeckung können sonst Verletzung, Misstrauen und Frustration entstehen.
Authentizität ohne neue Pflicht
Authentischer Sex bedeutet aber nicht, jederzeit einen Orgasmus erleben oder jede sexuelle Begegnung ausführlich analysieren zu müssen. Er bedeutet, dass eine Frau nicht gezwungen ist, Lust zu spielen, um den Partner zu beruhigen, den Sex zu beenden oder einem Bild von guter Weiblichkeit zu entsprechen. Damit darf aber nicht eine neue Leistungspflicht einhergehen. Selbstbestimmung kann auch bedeuten, keinen Orgasmus anzustreben, eine Begegnung abzubrechen oder Sex ohne Ziel zu geniessen. Der Weg aus dem Vortäuschen führt deshalb nicht zu einer neuen Norm, nach der nun alle Frauen offen über jeden Wunsch sprechen und bei jeder Begegnung zum Höhepunkt kommen müssen. Er führt zu mehr Wahlmöglichkeiten. Eine Frau kann einen Orgasmus anstreben, ihn nicht anstreben, eine bestimmte Berührung verlangen oder sagen, dass sie heute keinen Sex möchte.
Die Verantwortung dafür liegt nicht allein bei den Frauen. Partner müssen bereit sein, weibliche Lust nicht als Bestätigung ihrer eigenen Leistung zu behandeln. Sexualaufklärung sollte neben Risiken und Fortpflanzung auch Körperwissen, Kommunikation, Einvernehmlichkeit und Lust vermitteln. Gubler fasst den zentralen Schritt als Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität. Wer den eigenen Körper besser kennt, kann Wünsche klarer formulieren und muss weniger auf verinnerlichte Muster, stammend aus der Sozialisierung des Patriarchats, zurückgreifen. Die Frage ist dann nicht mehr, wie überzeugend ein Höhepunkt aussieht, sondern ob beide Personen an der sexuellen Begegnung tatsächlich beteiligt sind.
«Es ist die Sache der Frau, einen Orgasmus zu lernen und einen Orgasmus herzustellen. Es ist aber auch die Sache vom Mann, seine eigene Sexualität zu kennen. Und es ist die Sache von beiden, sich auch für den anderen zu interessieren.»
Der vorgetäuschte Orgasmus ist deshalb kein individuelles Kuriosum und kein Beweis für eine gescheiterte Beziehung. Er weist auf eine Lücke zwischen Erlebtem und Erwartetem hin, die durch Scham, Leistungsdruck, fehlendes Körperwissen oder Angst vor der Reaktion des Partners entstehen kann. Sie lässt sich nicht mit einer einzelnen Technik schliessen, sondern durch Zeit, Sprache und gegenseitige Aufmerksamkeit. Christa Gubler empfiehlt Leser*innen, die sich in manchen Punkten wiedererkannt haben, die Homepage der ZISS anzuschauen und ihre Sexualität in den angebotenen Kursen näher kennenzulernen.























